Das antikapitalistische Archiv

18. März 2006

Humanismus und Homosexualität

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Ich habe neulich einen Vortrag eines pensionierten Lehrer an meiner Schule gehört. Einem Altphilologen, einem „Platon-Fan“, wie er sich selbst bezeichnet, einem Humanisten.
Er referierte zum Thema Bildung, hat sogar ziemlich viel richtiges gesagt: dass Bildung an der Schule nicht den Interessen der Schüler, sondern nur den Interessen des Staates dient (bzw. angesichts der Wirtschaftskrise in verstärktem Maße dient), obwohl doch das ursprüngliche Ideal der Bildung, das der Humanisten, das Glück des Menschen zum Ziel hatte. Vieles von dem, was der Referent gesagt hatte, klang sogar auffällig nach Adorno.
Es ist natürlich sinnlos in der heutigen Gesellschaft ein Ideal anzumahnen, dass im alten Griechenlnad von Leuten formuliert wurde, die selber weder arbeiten noch Not leiden mussten, aber es hat, vielleicht gerade wegen seines utopischen Charakters weitergedacht auch etwas revolutionäres. Zumindest zwischen den Zeilen.

Nun beruft sich der Humanist aber stets auf ein Ideal, dass er vom Menschen hat. Es geht ihm zwar um das Glück des Menschen, doch er weiß genau, wie dieses Glück auszusehen, wie es zu erreichen ist. Mag dieses Ideal auch noch so gut, noch so redlich und vernünftig sein: es hat immer den Beigeschmack des Willkürlichen, der Ideologie.

Auch die Nationalsozialisten waren, abstrahiert vom Inhalt ihres Ideals, Idealisten im wahrsten Sinne des Wortes, auch sie hatten ein Ideal vom Menschen. Was dem nicht entsprach, musste verändert, notfalls vernichtet werden. Diese Ideologie passt zu einem System, in dem die Rationalisierung der Welt mit der Verwandlung der Menschen in Verwertungsobjekte Hand in Hand geht.

Dieser menschenverachtende Grundcharakter des idealistischen Humanismus wurde bei dem Referenten spätestens dann deutlich, als seine Rede, gewissermaßen als Exkurs, auf das Thema Homosexualität fiel. Die entspricht natürlich nicht seinem Ideal, ist mit der heterosexuellen Liebe nicht zu vergleichen, ist daher minderwertig. An diesem Punkt des Vortrags wollte ich am liebsten einfach den Saal verlassen und rausgehen, doch das wäre einer Kapitulation gleichgekommen, ich wollte wenigstens noch eine kritische Anfrage am Schluss stellen. Ich fragte, warum Homosexualität denn minderwertig sei. Die Antwort war ungefähr „homosexuelle Menschen sind ja nicht minderwertig, sie sind Opfer und verdienen daher Mitleid. Es würde aber niemand, wenn er die freie Wahl hätte, freiwillig die homosexuelle Liebe der heterosexuellen vorziehen und deshalb ist letztere besser“. Toll, welch Hammerargumentation: in einer Welt, in der Humanisten weitgehend unkritisiert schwulenfeindliche Ressetiments pflegen dürfen, würde natürlich niemand homosexuell sein wollen. In einer pariarchalen Gesellschaft würde auch niemand, hätte er die Wahl, Frau werden wollen, sind Frauen deshalb minderwertig?
Meinem folgenden Argument, dass z.B. Platon nie einen Unterschied zwischen homosexueller und heterosexueller Liebe gemacht hatte, und sogar erstere gegenüber letzter in gewisser Weise aufwertete (als höchste Form der Liebe sah er ohnehin die „Liebe zwischen Seelen“, nicht die zwischen Körpern an), trat er dann ganz geschickt entgegen: „Ich bin zwar Platon-Fan, aber das heißt nicht, dass ich seine Irrtümer nicht erkenne.“ Na dann, Prost Mahlzeit: gute Sachen von Platon werden unter den Tisch gekehrt, viel dummes Geschwafel der antiken Philosophen zur Begründung eines überhistorischen Ideals herangezogen.

Fazit: ein für mich nicht sehr angenehmer Abend, zumindest hat er mir die Augen geöffnet, dass es noch ein langer Weg ist, bis Schwule, Lesben und sonstige „Unnormale“ ein menschenwürdiges Leben führen können. Und gerade in gebildeten Kreisen scheint solch homophober Humbug besonders kultiviert zu sein.

6 Kommentare

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  1. Kommunisten sind übrigens auch nicht minderwertig, sondern sie sind Opfer und verdienen daher Mitleid. Es würde nämlich niemand, wenn er die Wahl hätte, freiwillig den Kommunismus dem Kapitalismus vorziehen und deshalb ist letzterer besser. ;-)

    Comment von Schorsch — 18. März 2006 @ 03:53

  2. Oh ja, ich liebe es einfach immer wieder ansehen zu müssen, wenn alles und jeder im Namen der Linken tolleriert, normalisiert und zu einer homogenen Masse gleichgeschaltet wird. Und du hast es wieder einmal in gekonnter Weise geschafft, ohne selbst über die Thematik differenziert nachzudenken, dich der Meinung der breiten Masse anzuschliessen. Aber vorweg, um dir den Wind aus den Segeln zu nehmen möchte ich festhalten, dass ich persönlich homosexuelle Menschen kenne, diese sehr schätze und denke dass ohne diese Menschen der Gesellschaft teilweise gute Menschen verloren gehen würden. Des weiteren müssen wir hier ganz klar zwischen drei Dingen unterscheiden, nämlich erstens der Definition von Homosexualität, zweitens der Behandlung, die Homosexuelle in unserer Gesellschaft erfahren, und drittens der persönlichen Eintstellung/Meinung des jeweiligen Individuums.

    1. Definition: Ich denke sehr wohl, dass man Homosexualität als psychische Aberration deffinieren kann bzw. sollte. Zuerst sollte man sich doch fragen, wozu, in seiner eigentlichen Funktion, der heterosexuelle Geschlechtsverkehr bestimmt war. Er war dazu bestimmt Kinder zu zeugen, also das eigene Erbgut in die nächste Generation weiter zu geben und, damit das fortbestehen der menschlichen Spezies zu sichern. (Natürlich wird auch die Diversität des Genpools erhalten bzw. vergrößert, aber dies würde jetzt zuweitgehen.:)) Wenn wir uns nun dagegen den homosexuellen Geschlechtsverkehr ansehen so müssen wir doch feststellen, dass diese beiden Charakteristika, also sowohl der transzendentale Selbsterhaltungstrieb, als auch die dadurch begründete Erhaltung der Art nicht gegeben sind. Die Genitalien des homosexuellen werden nicht nur zweckentfremdet (gibt es natürlich auch bei heterosexuellen Menschen), sondern man kann auch eine grundsätzlich falsche Fixierung des Sexualtriebes feststellen, der nun im Weiderspruch zum Selbsterhaltungstrieb (der Gene), respektive der daraus resultierenden Erhaltung der Art, steht.

    2. Behandlung von Homosexuellen in der Gesellschaft: In diesem Punkt denke ich stimme ich mit dir überein und er sollte auch für jeden denkenden Menschen schnell abgehakt sein. Denn jeder Mensch, egal welche Hautfarbe, Religion (wenn man noch in diesen Mustern noch denken will) oder Krankheit er hat, muss mit Respekt behandelt werden und es muss jedem Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglicht werden, also das Recht auf Entfaltung und das Recht auf Unversehrtheit etc. nicht nur vorhanden sein, sondern auch durchgesetzt werden (und da hapert es noch extrem). Wenn natürlich Homosexuelle, also Menschen mit einer psychischen Aberration diese Rechte vollkommen zurecht kriegen, so zieht das natürlich auch mit sich, dass andere Menschen mit einer psychischen Aberration (Schizophrene, Suchtkranke, Autisten etc.) sofern sie keine Gefahr für die Allgemeinheit bzw. sich selbst darstellen die gleichen Rechte besitzen. (und hier harpert es schonwieder; es werden nämlich Menschen teilweise gegen ihren Willen therapiert; und ich weiß wovon ich spreche, da es in meinem Umfeld mehrere solcher Fälle gab/gibt). Wenn schon gleiches Recht für alle.

    3.persönliche Meinung des Kritikübenden: Nun, da du ja kritisierst, dass jemand den heterosexuelle Geschlechtsverkehr vorzieht. So muss ich dir doch sagen, dass es jedem freigestellt ist so zu denken und es auch völlig „normal“ (in diesem Fall muss ich dieses Wort leider benutzen) sein sollte so zu denken, da es im Menschen und in der Natur so tief verwurzelt ist und wir ohne diese Präferenz unser eigenes Fortbestehen infragestellen würden.

    Ich streite eigentlich nur um die Definition der Homosexualität. Denn die Ummünzung von Wahrheit, die in der Öffentlichkeit und im besonderen in den Medien stattfindet, ist sowas von unglaublich, dass ich mir nur noch an den Kopf fassen muss. Vorallem sollten die Homosexuellen mal darüber nachdenken, warum sie denn immer mehr Akzeptanz vorfinden und, ob ihre Emanzipation nicht vielmehr einem Erschließen neuer Absatzmärkte durch die kapitalistische Wirtschaft gleichkommt. Denn eins ist klar, in der Bevölkerung ist die Akzeptanz garantiert nicht so groß (nicht unbedingt gut aber verständlich), wie in den Massenmedien dargestellt wird.

    Comment von lipshit — 24. März 2006 @ 20:46

  3. Kann man sich wirklich aussuchen wie man fühlt?
    Kann man sich wirklich aussuchen wen man liebt?
    Das eigentliche Problem ist häufig die komplette Absage an das jeweils andere Geschlecht, der anderen Hälfte der Menschheit…
    Bevor man aber versucht Homosexualität zu definieren, sollte man sich fragen was Heterosexualität eigentlich ist. Und da man das nicht kann, ist eine Unterscheidung nichts anderes als Abgrenzung. Es geht überhaupt nicht darum, ob das eine besser ist als das andere, oder ob das eine dem anderen vorzuziehen ist.
    Erkenne die naturgegebenen Ausdrucksmöglichkeiten der Liebe an und frage dich nicht nach ihrem Sinn, denn dies zu begreifen wird deinem begrenzten Geist nie möglich sein.
    Und vor allem: Schreibe Niemandem vor, was Er oder Sie zu fühlen hat, denn Du hast keine Vorstellung davon, wie es ist dafür durch die Hölle zu gehen!

    Comment von Jeannette — 29. Dezember 2007 @ 16:16

  4. Kann man sich wirklich aussuchen was man fühlt?
    Kann man sich wirklich aussuchen wen man liebt?

    Comment von Jeannette — 31. Dezember 2007 @ 14:13

  5. wo bleibt mein Kommentar?

    Comment von Jeannette — 31. Dezember 2007 @ 14:14

  6. Hallo Jeanette,
    sorry, das den Kommentar nicht früher angezeigt wurde, aber ich habe eingestellt, dass ich Kommentare erst freigeschaltet werden müssen, ehe sie angezeigt werden. Das hat angesichts teilweise bodenloser Diss-Kommentare von Rechten (nicht auf diesem, aber auf einem anderen Blog von mir), auch seine Berechtigung.
    Also ich denke mal, dein Kommentar war auf das Kommentar von Lipshit bezogen, dass ich unter http://antikapl.blogsport.de/2006/04/01/das-kommentar-von-lipshit-eine-abrechung-mit-dem-normalen/
    ja auch kritisiert habe. Ansonsten kann ich deinen Ausführungen nur zustimmen.

    antikapl

    Comment von Administrator — 2. Januar 2008 @ 05:57

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