Das antikapitalistische Archiv

11. April 2006

Antworten zu Homosexualitätskommentaren-Part II

Abgelegt unter:

Ich finde es super, dass zu meinem Text über Homophobie eine solch angeregte Diskussion entstanden ist und möchte diese nun fortsetzen.
Zunächst möchte ich auf das Kommentar von Schorsch eingehen, der übrigens auch einen sehr guten Blog hat:

Mit seiner ersten Frage hat er natürlich Recht: wenn niemand ein Interesse am Fortbestand der Menschheit hat, ergo keine Kinder in die Welt setzen will, dann ist das eben so, ein kategorischer Imperativ zur Arterhaltung ist also wenig sinnvoll (einen solchen wollte ich auch garnicht implizieren).

Warum reagiert das bürgerliche Individuum in Krisenzeiten mit totaler Ablehung auf alles “Andersartige”?

Dies ist eine sehr berechtigte Frage. Ich denke, zunächst muss man da die Empirie sprechen lassen, die diesen Sachverhalt ja recht einleuchtend belegt: im Osten Deutschlands ist z.B. die Ausländerfeindlichkeit recht hoch im Vergleich zum wohlhabenderen Westen, obwohl dort paradoxerweise gerade besonders wenige Menschen migrantischen Hintergrunds leben. Dies lässt sich schon damit erklären, dass Xenophobie nichts ist, was einen wie auch immer gearteten rationalen Kern hat, sondern dass es da einfach mal um die generelle, wahnhafte Ablehung allem Fremden gegenüber geht, die mit der realen Existenz von Fremden überhaupt nichts zu tun hat. Genauso ist Intoleranz gegenüber „Unnormalen“ (sei es Homosexualität, sei es einfach nur ein besonderer Kleidungsstil) allgemein gerade bei ärmeren bürgerlichen Individuen besonders weit verbreitet*. Diese befinden sich ja tatsächlich in einer persönlichen Krise und empfinden in dieser alles Andersartige, alles, was von der Norm, die sie selbst verinnerlicht haben, als Bedrohung. Diese Bedrohung ist wohl letztlich nichts anderes als ein Reflex auf die wohl eher unbewusst empfundene Enttäuschung, dass man trotz der Abtötung seiner eigenen Triebe zum Anderen, selbst in der Konkurrenz gescheitert ist. Dieses Scheitern ist ja das genaue Gegenteil des völlig überhöhten, unreflektierten, Selbstbewusstsein, dass das Warensubjekt im allgemeinen so von sich hat, was aber in Wahrheit auf nichts anderem als einer latenten Ich-Schwäche beruht.
Nach außen projeziert ist das dann also der Grund für die „totale Ablehnung alles Andersartigen“, die ja gerade von Adorno immer wieder hervorgehoben wird, wenn er über die Psyche des Bürgers schreibt (aus dem Aphorismus „Tough Boy“: „Während das Subjekt zu Grunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“ In Krisenzeiten geht das Subjekt freilich um so mehr zu Grunde, da der Druck auf die Einzelnen immer mehr wächst). Ich gebe allerdings zu, dass ich da selbst nicht so 100% firm bin.

Zur von dir geforderten Kritik der Geschlechtereinteilung: auch ich kenne mich da nur marginal aus, halte es aber natürlich prinzipiell schon für notwendig, wenn man über Heterosexismus (das Pendant zu Homophobie) redet, auch über die binäre Geschlechtermatrix zu reden, in die die bürgerliche Gesellschaft jedes ihrer Glieder reinpresst. In nichtbürgerlichen Gesellschaften waren die Grenzen zwischen den Geschlechtern ja tatsächlich oft wesentlich fließender als heute, so galt im antiken Griechenland der Hermaphrodit als Schönheitsideal und auch viele Darstellungen des Mittelalters zeichen sich ja durch eine offensichtliche Geschlechtslosigkeit der dargestellten Menschen aus. Aber viel mehr will ich dazu wirklich nicht schreiben, ich kann da nur auf die vielfältigen Aussagen von lysis zu dem Thema Geschlecht und Kapitalismus (und speziell auch Homophobie) verweisen.


Wie bekommst du so viele Referer über Google ?

Das geht ganz automatisch: Google erfasst sämtliche Websites von alleine. Wenn jemand einen Suchbegriff eingibt, der auch in einem meiner Texte drinsteht, dann zeigt Google ihm/ihr meine Seite an. Da zu meinem Blog anscheinend viele Links existieren (über andere blogs und das kf wahrscheinlich), erscheint meine Site dann auch entsprechend weit oben.

So, jetzt zu Lipshit:

Zunächst einmal werde auch ich auf den Begriff „Aberation“ eingehen. Du definierst ihn als „Abweichung von der natur-intendierten Norm/Form ohne zunächst unbedingt eine negative Auswirkung für das Individuum bzw. die Gesellschaft zu haben“. Den Unterschied zur Krankheit machst an den negativen Auswirkungen fest, die eine Krankheit im Gegensatz zur Aberation hat.
Nun ist natürlich die Frage, ob eine Aberation in einer bestimmten Gesellschaft nicht bereits automatisch festgelegt ist und durch alles, was den in dieser Gesellschaft gültigen Normen entgegengesetzt ist. Aberationen sind also stets historisch determiniert und können sich verändern, das hat mit „Natur-intendiert“ doch überhaupt nichts zu tun.
Was soll überhaupt das Unterscheidungskriterium zwischen „Natur-intendiert“ und nicht „Natur-intendiert“ sein? Dieser Ausdruck ist zudem schon an sich recht paradox, da er die Natur als handelndes Subjekt auffasst. Das ist sie aber nicht, der Mensch ist das Subjekt und letztendlich ist „natürlich“ stets nur das synonym für „gesellschaftskonform“.
Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt:
du affirmierst doch letztendlich nur die herrschenden Zustände, wenn du auf diesem bürgerlichen Naturbegriff beharrst, der eben in Wahrheit etwas völlig anderes ausdrückt. Du bewertest normabweichende Sexualität so implizit danach, ob sie der Norm entspricht oder nicht und beziehst dich so positiv auf die bürgerliche Werteordnung. Homosexualität war nämlich zu anderen Zeiten, in anderen Gesellschaftskonstellationen etwas völlig normales, wie z.B. auf dem Wikipediaeintrag zu dem Thema recht gut dargelegt ist.

Im nächsten Punkt widersprichst du dir dann, finde ich selbst: du bringst selber Beispiele für widernatürliches Verhalten in der Natur schlechthin, nämlich der Tierwelt und zudem, dass Sex dem Menschen (von Natur aus) Spaß macht. Von der Natur scheint also überhaupt nicht vorgesehen zu sein, dass Sex und Spaß getrennt sein müssen und Sex immer mit Fortpflanzung verbunden sein muss.

Zum 4. Punkt geb ich dir erstmal Recht, will aber auch was einhaken: die bürgerliche Gesellschaft ist nicht nur der Grund für „psychische Aberationen“, sondern setzt auch noch gewaltsam fest, was Aberation ist und was nicht. Heutzutage gilt z.B: Fettleibigkeit doch ziemlich als Aberation, ja, als Krankheit. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war an Fettleibigkeit überhaupt nichts krankhaftes (du hast ja selbst das Beispiel mit dem Schönheitsideal gebracht). Natürlich kann man argumentieren, dass beleibte Menschen tatsächlich früher sterben und mehr gesundheitliche Probleme haben als „normal figurierte“ (obwohl man auch nicht zu dünn sein sollte), doch erst in der bürgerlichen Gesellschaft gilt „Gesundheit“ überhaupt als herausragender Wert. In der frühen Neuzeit hat man noch ohne Gewissensbisse geraucht, und dabei war es durchaus schon bekannt, dass Rauchen sehr schädlich für die Gesundheit ist. Man hat eben Gesundheit als nicht so wichtig erachtet. Und tatsächlich hat der moderne Gesundheitswahn ziemlich erschreckende Züge angenommen, er hat sich in eine gesellschaftliche Krankheit verwandelt.

Im 5. Punkt werden unsere Widersprüche denke ich am deutlichsten: du schreibst

Nun, warum möchte ich denn, dass Homosexualität als psychische Aberration definiert ist? Wenn man nun Homosexualität als total lustig darstellt oder diese sogar als normal und gut definiert, so findet nicht nur eine Ummünzung der Realität statt, nein sondern die Menschheit untergräbt die Präferenz, die ihr eigenes Überleben sichert.

Da war das Argument von Schorsch sehr treffend: das Überleben der Menschheit ist doch ein Ziel, das nur Bedeutung hat, wenn die Menschheit überleben will. Will sie das aus irgendwelchen Gründen nicht mehr (was sicher sehr fiktiv und auch nicht wünschenswert ist), dann ist das ihre freie Entscheidung. Denn ich möchte nochmal meine sicht über den Menschen betonen: ich halte den Menschen für ein Wesen, das, im Gegensatz zu Tieren, bis zu einem gewissen Grad über seinen Trieben steht, über sie reflektieren kann.
Wenn der Mensch wesentlich determiniert ist, dann würde ich auch eher die Gesellschaft als Hauptquelle dieser Determinierung nennen und nicht die Triebe, die ja doch etwas recht abstraktes sind. Letztendlich entscheidet man ja nicht selber, ob meinen einen Trieb sublimieren soll oder nicht, sondern die Gesellschaft entscheidet für einen, indem sie diesen Trieb als krankhaft oder als normal ansieht. Emanzipatorisch wäre freilich eine Gesellschaft, in der es überhaupt keine Mechanismen mehr gibt, die eine solche Trennung zementieren, in der jeder Mensch so anerkannt wird, wie er ist. Dann passt sich nämlich nicht mehr der Mensch der Gesellschaft an, sondern die Gesellschaft dem Menschen.

* an dieser Stelle muss ich selbst verbessern: letztendlich befinden sich bürgerliche Individuen in einem Zustand, der sie permanent beschädigt, egal ob sie in der Konkurrenz temporär besser oder schlechter dastehen. Einen empirischen Zusammenhang zwischen reaktionären Ideologien und niedrigem sozialen Status kann man zwar an manchen wenigen Stellen erkennen, generell lässt sich daraus aber nichts folgern.
In mancher Beziehung sind ärmere Menschen sogar offener für andersartiges als spießige KleinbürgerInnen.

Kommentare

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