Das antikapitalistische Archiv

1. Mai 2006

Zu Kritik am Zenbuddhismus

Dr. Kollosos hinterließ zu diesem Artikel über Zenbuddhismus folgendes Kommentar:

Ohne sich jemals eingehend und fundiert mit Buddhismus beschäftigt zu haben, erlaube ich mir jetzt trotzdem eine kleine kritik zu üben: Soweit ich weiß ist eine der Prämissen des Buddhismus, dass leben leiden sei! Ausgehend hiervon, bauen Buddhisten ihr gesamtes Religionsgebäude auf, welches darin kulminiert, den Kreislauf des Lebens zu durchbrechen! (ich hoffe das stimmt zumindest teilweise) Hier setzt nun meine Kritik an: Ist es nicht gerade eine solche dieseitsverneinung, die einen zutiefst passiven Kern trägt, der jegliche eigenmächtige Umgestaltung des Hier und Jetzt ideologisch angreift! Wäre es nicht sinnvoller, wenn schon von der Leben-ist-leiden-prämisse ausgegangen wird, sich einen Nietzsche zum Vorbild nehmen, der dagegen sagt: Ja, lebt!
Ach übrigens: Ist nicht das an worten klammern richtig? Sich Begrifflichkeiten auszuarbeiten um vernünftig der Welt näher zu kommen, was ist schlecht daran!?


Mein „Gegenkommentar“ zu diesem Kommentar werde ich auch dazu nutzen, um für mich eine aktualisierte Version meiner Position zum Zenbuddhismus zu artikulieren, was sicher Not tut. Schließlich ist es unmöglich, einer mehr als 2000 Jahre alten Philosophie noch heute unbedingte Gültigkeit zuzuprechen, was ja auch, Selbstverständnis der deutschen buddhistischen Union (DBU) hin oder her, weder hier im Westen noch in Asien von BuddhistInnen gemacht wird, weil niemand weder in der Lage noch willens ist, zu Gunsten eines strengbuddhistischen Lebens die kapitalistische Totalität zu durchbrechen.
Ich meine, das gerade für den Zenbuddhismus schon spricht, das er, auf jeden Fall, wie er im Westen rezipiert wird, schon recht diesseitsbezogen ist. Es geht eigentlich nicht darum, auf eine bessere Wiedergeburt hinzuarbeiten sondern das Ziel ist schon, im Diesseits einen möglichst hohen Verwirklichungsgrad zu erreichen (inwiefern das orthodox ist, sei an dieser Stelle mal dahingestellt).
Auch, dass das Leben Leiden ist, ist ja, erst Recht in der kapitalistischen Realität, keine unbedingt falsche Aussage. Es ist doch blanker Hohn den von Herrschaftsverhätnissen unterdrückten Menschen zuzurufen „Ja, lebt!“, weil gerade diese Herrschaftsverhältnisse doch ein wirklich glücliches Leben gerade unmöglich machen. Zumindest müsste man von dieser „nietzianischen“ Perspektive aus schon eine Kritik entwicklen, bzw. würde einen das Festhalten am nietzianischen Ideal im Idealfall automatisch kritisch machen, wenn man feststellt, dass das Ausleben dieses Ideals in der jetzigen Realität völlig unmöglich ist (das kann ich aus meiner individuellen Erfahrung aus auch nur bestätigen).
Ich finde am Zenbuddhismus auch kritikabel, das er das Leiden individuell und nicht gesellschaftlich aufzuheben versucht. Es ist komplett falsch und antiemanzipatorisch, die Lösungen für gesellschaftliche Probleme zuerst bei sich selbst zu suchen. Das mag dem Einzelnen zwar teilweise helfen, mit der Gesellschaft temporär zurechtzukommen, hilft aber letztendlich nur, die gesellschaftlichen Zustände, die die Probleme des Einzelnen erst verursachen, immer wieder zu reproduzieren. Für diesen ständigen Reproduktionsvorgang finde ich die buddhistische Metapher vom „Kreislauf des Leidens“, der durchbrochen werde muss, sogar recht passend. Nur der Modus, wie dieser Durchbruch stattfinden soll, gefällt mir eben nicht.
Marx und Buddha ähneln sich meines Erachtens in vielen Punkten sogar. Beiden gings ja darum, die Ursachen für Leiden zu finden und daraus abzuleiten, wie eine Aufhebung des Leidens möglich ist. Und beide scheinen mir vor demselben Widerspruch zu stehen: beide halten das Leiden für durch einen bestimmten Mechanismus determiniert, und zwar in einer Art und Weise, der einen Ausbruch aus diesem Mechanismus im Grunde zu einem unlösbaren Paradox macht. Das meint: bei Buddha gehört Leiden zum Leben dazu und reproduziert sich als „Karma“ immer wieder. Trotzdem ist es im Leben möglich, sich von diesem Leiden zu befreien.
Bei Marx gehört Leiden zum Kapitalismus und ist nur lösbar, wenn sich die Menschen gegen den Kapitalismus auflehnen. Für den Materialisten Marx ist aber das Denken der Menschen stets geprägt von den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie leben („das Sein bestimmt das Bewusstsein“). Wieso sollten sich also Menschen, deren Denken von der kapitalistischen Struktur geprägt ist, gerade gegen diese auflehnen und zu einer gänzlich anderen Welt führen, nämlich zum Gegenteil des Bestehenden?

Zum letzten Absatz des Kommentars: du sagst ja schon selber, das sich Begrifflichkeiten der Realität nur annähern. Das Ziel der Aufklärung ist natürlich, das sich irgendwann die Begrifflichkeiten der Realität bis ins kleinste Detail annähern, aber die Frage ist hier natürlich, ob dieses Ziel nicht im höchsten Maße hybrid und totalitär ist, da es eine unbewiesene Prämisse ist, das die Welt tatsächlich auf so vernünftigen Gesetzmäßigkeiten beruht, wie die Wissenschaft behauptet. Oder anders gesagt: in gewisser Weise macht die Wissenschaft ja erst vernünftig, vorher war sie das nicht.
Okay, das war jetzt ein bisschen an „Dialektik der Aufklärung“ orientiert, aber trifft das Thema glaube ich schon: man muss sich einfach den irrationalen Kern des Daseins anerkennen und sich über den Grenzen der Vernunft im Klaren sein, die Begriffe also nicht mit der Realität verwechseln.

2 Kommentare

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  1. Hallo,
    die erste Praemisse des Buddhismus ist nicht, dass Leben Leiden sei, sondern dass Leiden im realen Leben existiert! Ein haarfeiner – aber bedeutender Unterschied! Dieses Missverstaendnis hat dem Buddhismus oft den Ruf einer pessimistischen Religion / Philosophie eingebracht. Ich kann auch keine „Diesseitsverneinung“ des Buddhismus nachvollziehen – es geht ja gerade darum, im Diesseits bewusster zu leben! Ich empfinde den Buddhismus, besonders das Zen, als sehr erd- und lebensnah. Aber es stimmt gewiss, dass alle Probleme, auch die gesellschaftlichen, zunaechst auf individueller Basis angegangen werden. Aber ist dies kritikwuerdig? Es ist eine Kernaussage besonders der mahayana-buddhistischen Philosophien, dass wirkliche Befreiung von Leiden nur moeglich ist, wenn man nicht fuer das eigene Wohl, sondern fuer das Wohle aller Lebewesen arbeitet. Diese Arbeit muss man jedoch bei sich selbst beginnen – um ueberhaupt in der Lage zu sein, sich fuer das Wohl aller zu engagieren.

    Comment von Robert — 14. Oktober 2006 @ 17:09

  2. Es geht in der buddhistischen Praxis, v.a. im Dzogchen (der da etwas außerhalb steht da man sich in dieser Übertragung aller Methoden aller Linien bedienen „darf“) v.a. darum, erst einmal die eigenen Kondititonierungen überhaupt zu bemerken. die die mit einem gemacht werden, und die die man selber die ganze Zeit weitermacht mit sich…
    Leben im goldenen Käfig: my cage is my castle…
    Das zu erkennen ist sehr nah daran, überhaupt Verblendungszusammenhänge zu erkennen, auch die um einen herum, das, was manchmal auch „das falsche Bewusstsein“ genannt wird undim Alltag so normal erscheint…
    Je wneiger man sich mit der eigenen Gewohnheitssicht udn Gewohnheitserlebensart identifiziert, umso größer wird der Aufmerksamkeits- und also auch Handlungspielraum. Umso genauer wird Handlung.
    In buddhistischer Verwirklichung sind Weisheit & Mitgefühl UNtrennbar.
    Das heisst, sich ausruen auf der persönlich erlangten Freiheit etc. hat garn nichts mit Erleuchtung zu tun.
    Andere Leute aber konditionieren zu wollen (oder missionieren etc.) auch nicht…
    Was zählt ist selbst die Verantwortung zu übernehmen. Jetzt, und hier…

    Insofern ist es wie immer, wie bei Marx auch: in der Theorie alles klar, konkrete Praxis ist dann die Challenge…
    :-)
    Was der Westen so gemeinhin unter buddhismus versteht ist jedenfalls sehr christliich geprägt und so westlich-ichig:
    Entgegensetzungen nämlich.
    …Als ob man z.B. nur AKTIV sein könnte, wenn man sich voll fett identifiziert…
    (mit sich selber z.B.)
    Aber dann agiert man meist nur die jeweils eigenen blinden Flecken aus…

    Mitgefühl im buddhistischen Sinn verlangt z.B. „in die Dimension des Gegenüber einzutreten“, nicht die eigene erstmal draufpflatschen…
    und a k t i v (auf intelligente + effektive Art die auch niemand kleinmurkst -das wie so wichtig wie das was), wird man umso mehr, je weniger man diese Ichverklebungen an der Backe hat…
    Etc.…
    Viel Spaß bei weiterer Erkundung des Terrains!
    A.

    Comment von Altren — 26. September 2009 @ 23:40

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