Das antikapitalistische Archiv

27. August 2007

Es war einmal im Spiegel…

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Singen bringt Menschen Überlebensvorteil

Die menschliche Stimme kann viel mehr, als zum Sprechen nötig ist. Forscher schließen daraus: Gesang ist evolutionär älter – und brachte den frühen Menschen einen Selektionsvorteil bei Paarung ebenso wie beim Kinderhüten. Hilfreich ist dieses Erbe noch heute.

Singen ist für die Menschheit nicht etwa ein bloßer Zeitvertreib. Vielmehr war Musik ihrer Ansicht nach für die frühen Menschen ein Vorteil beim Kampf ums Überleben, so glauben Forscher. Man mag es kaum für möglich halten, wenn man die schaurigen Gesangsversuche mancher Mitmenschen im Ohr hat: Gesang als einer der evolutionären Faktoren, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.

Wie wichtig Musik für die Menschheit ist, zeigt schon die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt. „Was keinen Nutzen bringt, wird im Laufe der Evolution gnadenlos ausgemerzt“, sagte der Musikwissenschaftler Eckart Altenmüller zu der Zeitschrift „bild der wissenschaft“. Doch was ist es, das die Menschen schon in der Jungsteinzeit dazu brachte, auf Knochenflöten harmonische Töne zu erzeugen und – wahrscheinlich sogar noch früher – ihren Stimmbändern Melodien zu entlocken?

Denn singen konnten nach Ansicht vieler Forscher die Vorfahren von Homo sapiens schon, bevor sie sprechen konnten. Sonst ließe sich nicht erklären, dass die menschliche Stimme viel mehr kann, als beim Sprechen nötig ist. So ist sie in der Lage, Töne zu erzeugen, die drei Oktaven abdecken – obwohl für die Sprache lediglich eine Quinte, also etwas mehr als die Hälfte einer Oktave, ausreichen würde. Auch die Fähigkeit, Töne lange zu halten, ist beim Sprechen nicht gefragt.

Und auch die Wahrnehmung von Musik scheint biologisch vorgesehen zu sein: So müssen kleine Kinder beispielsweise nicht erst lernen, welche Klänge harmonisch sind und welche nicht, sie wissen es instinktiv. Außerdem erfassen sie die musikalischen Anteile von Sprache früher als ihre Bedeutung. „Was die Mutter oder der Vater sagt, nehmen Babys zunächst als melodischen Lautstrom wahr“, erklärt Altenmüller. Das spiegelt sich auch im Gehirn wider, denn dort werden Sprache und Musik von den gleichen Hirnregionen bearbeitet.

Von Höhlen-Werben zu kreischen Fans

Welchen Vorteil die Musik den frühen Menschen – genauer gesagt den Männern – brachte, kann man heute noch erahnen – dann nämlich, wenn man sich die kreischenden Fans von Tokio Hotel oder Robbie Williams anschaut: Musiker sind für Frauen extrem attraktiv und waren es wahrscheinlich schon in der Steinzeit.

In den Zeiten, in denen es ums nackte Überleben ging, zeigte der Gesang den Frauen etwas anderes: „Seht her! Ich bin so stark und gesund, dass mir selbst diese widrigen Bedingungen nichts ausmachen und ich noch Kraft genug habe, um so sinnlose Dinge zu tun wie zu singen.“ Gleichzeitig, spekulieren Forscher, demonstrierten sie ihre Kreativität und damit auch ihre geistigen Fähigkeiten. Singende Männer hatten also alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte – und waren daher begehrte Partner.

Für die Frauen hatte das Singen wahrscheinlich eine vollkommen andere Funktion, glauben viele Wissenschaftler: Es diente der Kommunikation mit ihren Kindern. „Wenn Mütter mit ihren Babys reden, ist die Stimme höher, erstreckt sich insgesamt über einen größeren Frequenzbereich. Das Tempo ist langsamer, und die Sprachmelodie wird übertrieben. All das macht man beim Singen auch“, sagt Altenmüller. Besonders wichtig war diese Kommunikation, wenn die Frauen ihren Nachwuchs beruhigen mussten, ohne ihn berühren zu können.

Singen ist Beruhigung ohne Berührung

Das funktioniert tatsächlich, konnte die kanadische Psychologin Sandra Trehub zeigen: Wenn Babys etwas vorgesungen bekommen, sinkt ihr Stresshormonspiegel und dieser bleibt zudem deutlich länger auf niedrigem Niveau, als wenn die Mütter lediglich reden. Zunutze machen sich das Eltern auf der ganzen Welt, indem sie ihren Kindern Wiegenlieder vorsingen – die laut „bild der wissenschaft“ interessanterweise überall ähnlich klingen und demnach wahrscheinlich schon sehr früh in der Geschichte der Menschheit entstanden.

Noch wesentlicher für den evolutionären Erfolg von Musik könnte allerdings eine andere Eigenschaft gewesen sein: „Musik ist immer etwas Gemeinschaftliches, und gemeinschaftliche Aktivitäten stärken den Zusammenhalt einer Gruppe“, sagt Altenmüller. Singen beispielsweise sorge dafür, dass sich Menschen „emotional synchronisieren“ – eine unverzichtbare Voraussetzung für gemeinsames Handeln, das wiederum unabdingbar für das Überleben in schweren Zeiten war.

Damit das nicht in Vergessenheit geriet, hat die Natur zusätzlich noch für einen besonderen Kick gesorgt: Musik stimuliert das Belohnungszentrum und löst dadurch Glücksgefühle aus, ähnlich wie Essen oder Sex. Das beruhigt, bringt die Emotionen ins Gleichgewicht und tut zusätzlich noch dem Körper gut. Das Fazit des Musikwissenschaftlers lautet daher: „Der Körper verschafft uns durch die Aktivierung des Belohnungssytems einen Anreiz, uns wichtige Dinge zu besorgen – Musik ist demnach wichtig.“

Quelle

Die Autoren dieses Spiegels haben anscheinend in der Schule in Musik nicht aufgepasst, sonst hätten sie sich mal mit mittelalterlicher Musik beschäftigt und festgstellt, dass die Behauptung, es gäbe ahistorische, in den Genen verankerte Urharmonien, ganz empirisch gesehen völliger Blödsinn ist. Das Harmonieempfinden eines Menschen wird von dem, was er gewohnt ist zu hören, und nicht von seinen Erbanlagen bestimmt. Witzig ist auch die Musik von außereuropäischen Kulturen, z.B. der indonesischen, die auf einem fundamental anderem Tonsystem als dem unseren basieren und in unseren Ohren nur noch wie irgendwelches Gedudel ohne harmonischen Zusammenhang klingt.
Der Verdacht drängt sich auf, dass die Herren Neurobiologen in ihrer unermütlichen Suche nach ewigen, unvergänglichen Ideen nichts anderes als Metaphysik betreiben, die ja seit Platon auch immer davon ausging, dass es apriorische, vorgeburtliche Ideen im Menschen gibt, auf die seine Erkenntnis der Welt basiert. So findet alles seine würdige Fortsetzung…

1 Kommentar

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  1. […] Nachdem im letzten Beitrag unserer Serie „Argumente gegen die Utopie“ die Vorstellung, der Mensch sei ein von Grund auf egoistisch, böses Wesen und deshalb unfähig zur Utopie bildlich gesagt „zum Tanzen“ gebracht haben, geht es in diesem nun um die weitergehende Auffassung, es gäbe Naturkonstanten menschlicher Existenz, die diese in bestimmte Schranken verwiesen. Solch eine Sichtweise ist nicht nur auf Biologen beschränkt, eigentlich finden sie sich in so gut wie allen Wissenschaften wieder. Immer, wenn etwas nicht plausibel erklärt werden kann, greift man gerne mal auf Angeborenes zurück, das hat bereits Platon mit seinen „angeborenen Ideen“ gemacht, auch wenn die für ihn noch nicht aus den Genen, sondern aus einer pränatalen Existenz des Menschen in einem Jenseits stammten (im Dialog „Phaidon“ malt Platons „Sprecher“ Sokrates dieses Jenseits besonders großartig aus). Bürgerliche Ökonomen reden gerne vom Menschen als naturwüchsigem „homo oeconomicus“ und von Dingen wie dem „Tauschtrieb“, dem Streben nach Nutzenmaximierung o.ä., Psychologen versuchen wie z.B. Sigmund Freud in seiner Schrift „Totem und Tabu“ Dinge wie in diesem Fall die Inzestscheu zur Erklärung religiöser Riten zu verwenden. Vom „Todestrieb“ und seinen zahlreichen Nebenbuhlern ganz zu Schweigen. Bekannt dürften weiterhin die theologische Annahme der „Erbsünde“ und das philosophische Konzept des Menschen als „Mangelwesen“ sein. Ohne auf die Unterschiede dieser doch sehr heterogenen Welt- und Menschenbildern einzugehen, ist ihnen doch allen gemeinsam, dass sie, wie gesagt, eine einerseits doch recht schlichte, aber dafür umso schwerer widerlegbare, Erklärung für empirische Fakten bieten, andererseits den empirischen Fakten vom Verhalten der Menschen eine gewisse Legitimation, eine Notwendigkeit verleihen. Am Beispiel Egoismus wurde das ja bereits deutlich gemacht: hier wird der in der kapitalistischen Gesellschaft überlebensnotwendige, aggressiv nach außen gerichtete Egoismus zur Naturkonstante erklärt und so der kapitalistischen Gesellschaft als Ganzes eine Scheinnatürlichkeit unterstellt. Es ist halt ganz selbstverständlich, dass sich die Menschen die Köpfe einschlagen, sie können ja gar nicht anders.1 Der Witz ist, dass sich die Annahme von Naturkonstanten wiederum auch auf die Interpretation der empirischen Fakten auswirkt. Wenn ich von vorneherein davon ausgehe, dass es solche Konstanten gibt, dann finde ich auch ganz schnell welche und wenn ich mal auf ein Faktum stoße, das meiner Hypothese widerspricht, dann erkläre ich das eben zur Ausnahme von der Regel oder versuche es sonst wie in meine Theorie reinzuzimmern. Der Fehler liegt also offensichtlich bereits in der Fragestellung. Klar, wer in die uns aus Quellen und archäologischen Funden bekannte Geschichte schaut, wird ganz schnell auf gewisse Konstanten kommen: Krieg hat es schon immer gegeben und anscheinend haben in der Geschichte auch patriarchale Gesellschaften existiert. Kunst hat es auch schon in der Steinzeit gegeben. Ein Anthropologe geht nun her und sagt: „Es gibt einen Kriegs- und einen Kunsttrieb im Menschen und es gibt angeborene Unterschiede zwischen Mann und Frau, aus denen das Patriarchat hervorgegangen ist.“ Dies ist freilich ein sehr schlichter Schluss, der z.B. völlig von den ganz verschiedenen Formen und Inhalten von dem, was wir heute als „Kunst“ bezeichnen, absieht. Zudem wird so jedwede Möglichkeit eines anderen Zusammenlebens negiert: dass eine Gesellschaft ohne Patriarchat, ohne eine abgetrennte Sphäre mit dem Namen „Kunst“, ohne Krieg möglich wäre, gerät so aus dem Blickfeld. „Es war schon immer so und es wird auch immer so sein“, das ist der Kernsatz der Anthropologie – und zugleich eine als Wissenschaft deklarierte Affirmation der jeweiligen Gesellschaftsordnung. In der Antike ging man halt davon aus, dass es von Natur aus Sklaven und Freie gäbe – heute, dass die marktförmige Konkurrenz den menschlichen Genen immanent* sei. Die wirkungsmächtigste Form dieser anthropologischen Ansätze ist derzeit der Biologismus und zugleich, in seiner populären Form, die schlichteste: man sieht etwas und sucht ein passendes Gen dazu – schwupps hat man genügend Stoff für einen neuen Zeitungsartikel oder einen Fernsehbeitrag. Dem Bedürfnis, die Welt nach möglich simplen Schemata erklären zu wollen, kommt diese Art der „Wissenschaft“ offensichtlich sehr entgegen. Haben sich die Philosophen früherer Tage noch tiefschürfende Gedanken darüber gemacht, warum es z.B. so etwas wie Musik gibt, lautet die stereotype Antwort der Neurobiologie ganz schlicht: es gibt ein passendes Gen dazu (wie in diesem Erguss wissenschaftlichen Scharfsinns). […]

    Pingback von Anthropologische Argumente gegen die Utopie II - ein Ausflug in die Untiefen des Labors // Antifa Horgau — 17. Dezember 2007 @ 01:25

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