Das antikapitalistische Archiv

26. Januar 2008

Versuch einer Kritik der „Frankfurter Schule“

Wie im Kommentarteil des letzten Posts versprochen, will ich im Folgenden ernsthaft versuchen, mal zu sammeln, warum ich die „Frankfurter Schule“, und das ist für mich v.a. Adorno nicht mehr für „das gelbe vom Ei“ halte. Also soetwas wie eine Kritik zu üben.

Vorneweg: Ich habe nicht vor, eine umfassende Kritik an Adornos Theorien zu üben – dies traue ich mich garnicht zu – sondern es geht eher um einige wunde Punkte, die mir im Laufe meiner Beschäftigung mit Adorno immer wieder aufgefallen sind. Es geht mir also nicht darum, zubeweisen, dass Adornos Theorien „falsch“ wären. Das will nicht schlichtweg deshalb nicht, weil ich, im Gegenteil, die Mehrheit dieser Theorien nach wie vor für richtig halte. Doch eben mit einem bzw. mehreren „Aber“.

Die allgemeinste Kritik an Adorno muss wohl an einem Sprachstil ansetzen. Die Sprache Adorno wirkt wohl nicht deshalb so kompliziert, weil er besonders viele Fremdwörter verwenden würde, die könnte man schließlich im Wörterbuch nachschlagen, sondern weil er ständig mit Hegel-Begriffen um sich schmeißt und Sätze mit einer schlicht unklaren, mehrdeutigen Syntax hervorzaubert. So jongliert er mit Begriffen wie „Allgemeines“ und „Besonderes“ umher und unterscheidet dabei noch zwischen „schlechte“ und „guten“ Allgemeinen. Was dieses ominöse „Allgemeine“ genau ist, setzt er irgendwie vorraus, aber letztendlich kann es einer, der nicht Hegels Gesamtwerk gelesen hat, nur mehr oder weniger erraten.
Ich will hier nicht den „Klarheitsfetischisten“ spielen, aber ein gewisses Maß an Verständlichkeit muss ein philosophischer Text, der der Klärung einer Frage, eines Sachverhalts dienen soll, schon aufweisen. Und diese andauernden impliziten Verweise auf Hegel, der ja auch nicht gerade für eine klare Sprache bekannt ist, machen dies sicherlich nicht leichter. Und es ist ja nicht nur so, dass wir als (noch *g*) Nicht-Philosophiestudenten manche Passagen nicht verstehen würden, sondern wenn man sich mal die akademische Artikel über Adorno durchliest, wird man schnell feststellen, dass auch die dortigen Interpretatoren ziemliche Schwierigkeiten mit manchen Stellen haben. Man kann natürlich sagen „verstehts du den Text nicht, bist du zu blöd dafür“, aber das halte ich generell für kein gutes Argument, zumal es Adorno ja auch explizit nicht darum ging, kommunizierbare Texte zu schreiben. Die Verrätselung hatte bei ihm ja Methode.

Sie kann nun zu zweierlei führen. Bei von Adorno positiv eingenommen Lesern zu einer Bewunderung für das Genie des Meisteres, so komplizierte und offensichtlich tiefgründige Sätze zu schreiben, bei eher skeptischen zu einer misstrauischeren Position. Hat der, der sich so unklar ausdrückt, nicht etwas zu verbergen? Muss er seine Argumente so verstecken, weil sie, bei Lichte betrachtet, nicht haltbar wären? Nietzsche würde dem sicher zustimmen. In seiner Schrift „Der Fall Wagner“ äußert er sich über Wagners Kryptizismus: „Erinnern wir uns, dass Wagner in der Zeit, wo Hegel und Schelling die Geister verführten, jung war; dass er erriet, dass er mit Händen griff, was allein der Deutsche ernst nimmt – ‚die Idee‘, will sagen, etwas, das dunkel, ungewiss, ahnungsvoll ist; dass Klarheit unter Deutschen ein Einwand, Logik eine Widerlegung ist. […] Und wie man Wagner verstand! – Dieselbe Art Mensch, die für Hegel geschwärmt, schwärmt heute für Wagner; in seiner Schule schreibt man sogar Hegelisch! – Vor allen verstand ihn der deutsche Jüngling. Die zwei Worte ‚undendlich‘ und ‚Bedeutung‘ genügten bereits: ihm wurde dabei auf unvergleichliche Weise wohl.“ Wäre Adorno also deutscher, als ihm selber lieb gewesen wäre? Steht er trotz seiner antitotalitären Gesinnung rein sprachlich in einer totalitären Tradition, die von Hegel über Wagner bis Hitler reicht? Dabei war es doch gerade, der die Form so sehr vor dem Inhalt betont hat und Heidegger seinen „Jargon der Eigentlichkeit“ vorgehalten hat. An Heidegger kritisierte er, dass seine Sprache klar und unverständlich zugleich sei. Die Frage wäre nun, ob sich dieser Vorwurf nicht auf ihn selbst übertragen lassen könnte.

In dieser Sprache drückt sich eine gewisse Grundhaltung aus. Es ist kein Elitarismus im kulturkonservativem Sinne, aber es ist zumindest eine tiefe Skepsis gegenüber allem, was einfach, was volksnah ist. Adorno wollte nicht wie Marx eine Kapitalismuskritik schreiben, die zur Waffe in der Hand der Unterdrückten werden könnte, sondern eine „Flaschenpost“ für künftige Generationen, eine Philosophie für wenige bis niemanden. Er glaubte nicht an das revolutionäre Potential des Proletariats, er ging davon aus, dass dieses bereits so weit ins System integriert ist, dass alles, was „von unten“ kommt, nur noch schlimmer als das, was „von oben“ kommt, sein kann. Gerade dieser Fatalismus wird ihm nun auch nicht nur von Marxisten, sondern auch von Bürgerlichen angekreidet. Er entspringt meiner Meinung nach nicht nur der realen historischen Erfahrung, in die doch auch der spanische Bürgerkrieg fallen müsste, sondern auch Adornos Totalitätsdenken. Wenn die kapitalistische Gesellschaft eine Totalität darstellt, die, ob nun tendenziell oder nicht, alle Bereiche des Lebens unter ihre Verwertungslogik zu subsumieren sucht, dann kann sich aus ihr kein „Anderes“ ergeben, dann gibt es einerseits kein „richtiges Leben im Falschen“, andererseits aber auch nicht die Aussicht auf eine erfolgreiche Revolution, die tatsächlich jene „Utopie“ hervorbringt.

Die Frage ist nun, ob nicht Adorno ein derartig lichtes Bild von der „Utopie“ im Kopf hatte, dass sich alles, was eine revolutionäre Bewegung mittelfristig erreichen könnte, daran blamieren müsste. „Alles oder nichts“, entweder Himmelreich auf Erden oder Hölle. Zwar schreibt Adorno auch, dass es zunächst einmal darum gehen müsste, dass jeder Mensch etwas zu Essen hat, und übt an vielen Stellen tatsächlich eine Kapitalismuskritik, die auf das konkrete Leiden der Proletarier anspielt, doch daneben gibt es eben noch immer den Versuch, den Kapitalismus daran zu blamieren, dass er nicht das Paradies auf Erden ist.

Daran, dass es eben nicht nur Marxisten, sondern sogar noch in weitaus stärkerem Maße bürgerliche Apologeten sind, die Adornos jenen Fatalismus vorhalten, kann man natürlich schon ablesen, dass jener Fatalismus so falsch nicht sein kann. Auch Adornos Skepsis gegenüber der 68er-Bewegung hat sich im nachhinein ja als durchaus berechtigt erwiesen. Doch man sollte trotz allem nicht vergessen, dass es bei dem Communismus nicht darum geht, ein „Paradies auf Erden“ zu verwirklichen, sondern das materielle, das wirkliche Leiden der Menschen zu beseitigen, sofern es sich überhaupt unmittelbar gesellschaftliche beseitigen lässt. Also darum, dass es keinen Hunger mehr gibt, dass es keinen auf die Bedürfnisse des Kapitals zugeschnittenen Bildungsapparat mehr gibt, dass keine Flüchtlingsboote mehr im Mittelmeer versenken, dass die Palästinenser menschenwürdig leben können und dass die Israelis keine Angst mehr vor irgendwelchen idealistischen „Märtyrern“ (so der offizielle Nazi-Sprech) haben müssen etc.pp. Dass alles ist unter den gegenwärtigen Bedingungen schon utopisch genug – aber es ist eben nicht so utopisch, dass man es als abstrakten Traum ausmalen müsste.

Das Problem ist nun, wie man, ohne sich lächerlich zu machen, heute überhaupt noch von der „Revolution“ sprechen kann. Wenn man nicht mehr an deren Möglichkeit glaubt, aber dennoch soetwas wie ein kritisches Bewusstsein pflegen will, dann ist Adornos Position eigentlich recht konsequent – nur eben auch ziemlich sinnlos, denn wieso sollte in 50 Jahren die Revolution auf der Tagesordnung stehen?
Andererseits kann man Antipolitik auch nicht mit einem solchen Bezugspunkt betreiben, wenn man nicht den Kontakt zur Realität verlieren will. Der Aufruf der hessischen Antifa-Gruppen zum „Sturz der Regierung“ mag ihnen zwar das gute Gefühl geben, nicht affirmativ zu sein, wird aber sicherlich nicht zu einer Zuspitzung der sozialen Kämpfe in Hessen führen.

Die communistische Grechtchenfrage „Wie hälts du’s mit der Revolution?“ ist also nicht gerade einfach zu beantworten. Ich denke jedoch, dass der Adornosche Fatalismus bei vielen Menschen zu dem genauen Gegenteil führt, als welcher er intendiert war. Der Satz vom „richtigen Leben“ führt dann nicht dazu, wenigstens zu versuchen, ein solches zu führen, sondern erst Recht zu einer Kapitulation vor dem „falschen Ganzen“. Die Theorien über die Kulturindustrie werden dann zur Ausrede, erst Recht Kulturindustrie zu betreiben und der neue kategorische Imperativ führt nicht dazu, die Zustände in den Asylbewerberlagern oder den islamophoben Rassismus des Mainstreams zu kritisieren, sondern eine taktische Allianz mit irgendwelchen Neokons einzugehen. Mit der Feststellung, dass Kriege zum Standardprogramm kapitalistischer Außenpolitik gehören, wird den Staaten, die wirklich Kriege führen, ein Blankoscheck ausgeschrieben. Das ist meines Erachtens das größte Problem der gegenwärtigen Linken, das ein totalisierendes Verständnis der „kritischen Theorie“ dazu geführt hat, dass man als Linker kapitalistischer als jeder Kapitalist sein soll. Vielleicht hat der späte Horkheimer ja durchaus die richtigen Konsequenzen aus seiner Theorie gezogen.

Als besonders krasses Beispiel hier mal ein Interview mit Torsun, in dem er seine Interpretation praktischer Implikationen aus den Theorien Adornos vorstellt:

5 Kommentare

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  1. Ich stimme deiner Problematisierung zu. Aber ist die aufgeworfene Frage eine Kritik an Adorno oder nicht vielmehr die Thematisierung des kopmlizierten Brckenschlags von radikaler Theoriebildung und politischer Aktivitt?

    Vielleicht schreibe ich die Tage mal mehr, wenn ich Zeit finde.

    Comment von schorsch — 28. Januar 2008 @ 01:03

  2. Unfug, gegen dessen Epigonen gewendet

    Sprache ist schlicht ein Mittel, Gedanken auszudrücken, weshalb sich eine inhaltliche Kritik auch dem ausgedrückten Gedanken zu widmen hätte, während Sprachkritik nur prüfen kann, ob die verwendete Sprache auch für den Zweck taugt, für den sie …

    Trackback von MPunkt — 28. Januar 2008 @ 12:50

  3. hallo,
    zu deiner Stellungname nun eine kleine Entgegnung: Zu deiner Sprachkritik mchte ich nur folgendes beisteuern: An sich bleibt Adorno sehr verkopft und hegeldeutsch, was durchaus zu kritisieren ist, da zieh auch ich die sprachliche schrfe marxens vor, der durchaus seine dialektische darstellungsweise beibehlt. Und genau hier setzt meine Position an: Bei aller forderung nach sprachlicher klarheit, sollte man sich immer klar sein, dass eine negative kritik am totalitren Ganzen immer auch sprachlich schwerem niveau sein muss. Alles andere wrde genau dem nachgekommen, was unser positivst popper in seiner pamphlet „gegen die groen Worte“ einfordert und damit Gefahr werden eben nicht das Wesen der Gesellschaft von seiner empirischen Oberflche zu scheiden. Und genau dieses scheiden ist meines wissen eben nur auf sprachlich hohem niveau mglich, denn wie sagt schon marx? Der Weg zur Wissenschaft ist keine Landstrae!
    Nun zum pessimismus adornos. Ich denke gerade dieser artikulierte pessimismus drckt doch immer noch deutlich seine Hoffnung aus, das gesellschaftlich mgliche zu realisieren und damit die totalitt aufzubrechen. Denn gerade indem er sie zur sprache bringt deutet er doch an, dass bei aller totalitt ein rest an gedanklicher freiheit noch brig ist, der es immerhin noch mglich macht diese totalitt gedanklich zu fassen. Nun kommt es darauf an sie praktisch aufzubrechen, was aber diese Erkenntnis zur voraussetzung hat. Es ist also realistischer pessimismus gepaart mit hoffnung auf mehr. Und nun kurz noch zu diesem mehr (Communismus)! Communismus ist doch mehr als nicht zu hungern und keine flchltingsboote vor der haustre zu haben und es ist erst recht mehr als irgendwelchen palis und isrealis irgendwie ihr friedliches auskommen zu sichern (denn gbe es die unterscheidung zwischen palis und israelis im communismus berhaupt noch?). communismus ist doch letztendlich der Austritt aus der unbewussten Notwendigkeit! Es ist doch faktisch die bewusste setzung des gesellschaftlichen lebens und gestaltens. Gerade dieses Bewusste drckt das mehr an, alles andere ist verteilungsgerechtigkeit, brgerliche reisefreiheit und zwei-staaten-lsung! Und genau an diesem Austritt aus der notwendigkeit zweifelt adorno und das doch durchaus berechtigt. Schau dich doch nur mahl um: Hier ist keine revolutionres Subjekt auffindbar. Da lsst mir doch wenigstens mit hilfe der kritische Reflexion adornos die option offen wenigstens geistig nicht mit machen zu mssen, ein stck freiheit!!!

    Comment von Dr. Kollossos — 28. Januar 2008 @ 17:26

  4. @ schorsch:

    Ich muss zugeben: da hast du durchaus recht. Das ist eben auch eines der Themen, die mich permanent am meisten beschärftigen, ich habe mit dir und anderen ja schon oft drüber diskutiert und auch Adorno selbst hat sich ja viele, und auch richtige, Gedanken zum Thema „Vermittlung zwischen Theorie und Praxis“ gemacht.

    @ Dr. Kollossos:

    Erstmal danke für dein ausführliches Kommentar.

    Zur Sprache: Also da gebe ich dir erstmal Recht. Ich war und bin schon immer der Meinung, dass Adornos Sprachstil auch eine gewisse Berechtigung hat, zumal er ja an vielen Stellen auch sehr deutliche Worte verwendet, gerade, wenn es um explizite Gesellschaftskritik geht. Und komplizierte Sachverhalte rechtfertigen sicher eine komlizierte Darstellungsweise, selbst der GSP, der ja eher eine entgegengesetzte Position vertritt, schreibt ja oft Texte, die zwar nicht sprachlich, aber doch inhaltich nicht gerade einfach zu lesen sind.

    Zur „Pessimismusfrage“: Das mit dem fehlenden Subjekt stimmt schon. Mein Einwand wäre halt, dass man vielleicht auch die Erwartungen an dieses Subjekt zu hoch schraubt, dass man als Communist also zu maximalistische Forderungen stellt, die sich so niemals verwirklichen lassen werden. Dieser Gedankengang würde natürlich, logisch fortgedacht, dazu führen, dass man tatsächlich sukzessive zum Reformisten wird – und dabei dann auch wieder an die Beschränkungen der Totalität stößt, letztendlich also wieder da ankommt, von wo man eigentlich weg wollte, nämlich in der Resignation.

    Was du mit der Gedankenfreiheit schreibst, was ja im Sinne Adornos ist, wäre halt eine Möglichkeit, es bis zu einem gewissen Grad im falschen Ganzen auszuhalten und sich dennoch eine gewisse geistige Distanz zu bewahren, die auch vereinzelt praktisch wirksam werden kann.
    Andererseits könnte man dann wieder sagen: okay, das falsche Ganze ist nicht aufzuheben – lasst es uns in der Totalität gemütlich machen. Wenn man sich anschaut, was viele ehemalige Studenten Adornos, wie z.B. Rüdiger Safranski, Jürgen Habermas oder Roland Kaiser, heute machen, haben anscheinend unbewusst oder bewusst viele diesen Weg gewählt. Aber eben nicht nur in dem Sinne, dass sie sich praktisch angepasst hätten, sondern dass sie sich eben auch von der „kritischen Theorie“ im Sinne ihrer Erfinder verabschiedet haben.

    Für mich ist das ein ziemlich Grundsätzliches ethisches Dilemma, das sich eben aus der Annahme eines „falschen Ganzen“ ergibt. Entweder, man hält die Widersprüche, die sich angesichts einer solchen Weltperspektive notwendig ergeben, aus, oder man triftet in wenig sympathische Richtungen ab.

    Was letztendlich zu hinterfragen wäre, wäre also die Annahme jenes „falschen Ganzen“. Ist die Totalität wirklich so total? Gibt es nicht doch Lichtblicke, Hoffnungsschimmer? Eigentlich sind das hochphilosophisch-ethische Fragen (vgl. Kant), um die es in der ganzen Debatte geht, auch wenn wir sie natürlich auf eine relativ konkrete gesellschaftliche Situation beziehen.

    Comment von Administrator — 29. Januar 2008 @ 23:26

  5. […] So wie torsun in dem hier zu sehenden interview z.B. der Musik strukturellen Faschismus vorwirft. [zurück] […]

    Pingback von Glück, Liebe, Tragik // Zeilenzwischentraumzeichenfeenlandschaftsraum — 13. Februar 2008 @ 00:18

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