Das antikapitalistische Archiv

11. Juni 2006

Adorno – Eine Rezension

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Nach der Lektüre des samt des, sehr umfangreichen und detaillierten, Anhangs 1032 (ohne immerhin noch 743) Seiten umfassenden Werkes „Adorno – Eine Biographie“ des Oldenburger Soziologieprofessors Stefan Müller-Doohm, will ich es hier zusammenfassen und kommentieren. Sie sticht für mich durch ihre Qualität und Detailfülle sehr aus dem durchschnittlichen Biographieangebot hervor, und ich will an ihr daher auch ansatzweise versuchen, ein wenig Kritik an dem entweder entlarvenden Voyeurismus oder der blindwütigen Genieverklärung zu üben, mit der man sich einer für eine Biographie für würdig erachteten Persönlichkeiten heutzutage für gewöhnlich nähert (gutes Beispiel übrigens: der aktuelle „Freud-Diskurs“ im bürgerlichen Feuilleton).

Die erste Frage, die sich stellt, ist hierbei natürlich: „Ist es lesenswert?“ Diese Frage kann ich eigentlich mit einem klaren „Ja.“ beantworten, denn dies gleich vorweg: begeistert hat mich das Buch auf jeden Fall. Es verschafft einen exzellenten Überblick über das denkerische Schaffen Adornos und schildert ebenso anschaulich die Umstände, unter denen dieses Schaffen stattfand. Sicher, es gibt noch andere Adornobiographien (vgl. diese Zeitrezension, auf Grund derer ich mich dann für dieses Buch entschied), die ich nicht kenne (ich hatte vorher nur die ebenfalls recht gute Adornoeinführung der junius-Reihe gelesen), doch diese scheint mir auf jedem Fall dem Anspruch zu genügen, v.a. das Werk und nicht den Menschen Adorno zu schildern, was sicher richtig und auch im Sinne Adornos gewesen wäre (dazu später mehr).

Dass übrigens die deutsche Wochenzeitung der „Spiegel“ Müller-Doohms Biographie als „offiziöse Chronik ohne Esprit“ bezeichnete, ist nicht nur völliger Humbug, denn auch unter einer sachlichen Fassade lugt immer wieder der Pathos (wenn man das so nennen will) hervor, mit dem Müller-Doohm Adorno seinem Studienobjekt eben keine aufklärerische Gewalt antut, sondern es nur beobachtet, sondern es ist ja nahezu eine Bestätigung einer Sache, wenn sie von den „richtigen“ Leuten kritisiert wird.
Der auch von anderer Seite (man gebe nur mal „Adorno“ als Suchbegriff bei Google ein) geäußerte Vorwurf, die Müller-Doohm-Biographie sei zu trocken oder zu sachlich gehalten, zeigt ja nur das fast schon voyeuristische Interesse, mit dem der Mainstream Biographien liest. Da geht es nicht darum, etwas über das Werk eines Menschen zu erfahren, sondern über den Menschen selbst. Das Werk verliert so an Bedeutung: mag ja alles schön und gut sein, aber moralisch war er widerwärtig. Siehe Leute, die an Marx nichts anderes kritisieren, als dass er einen unehelichen Sohn mit seinem Dienstmädchen gezeugt haben soll, und, ganz ganz schlimm, von den Einnahmen Engels, eines Kapitalisten (!) gelebt hat, obwohl er doch gegen Kapitalismus war.

Sein positives Verhältnis zu Adorno macht der Autor schon mit der Widmung deutlich:

Meiner Tochter Anna-Maximiliane widme ich diese Biographie, weil ich mir wünsche, durch die Darstellung des Lebens und des Werks von Adorno etwas von jenem Denken für spätere Generationen lebendig halten zu können, das für meine eigene intellektuelle Orientierung so einflußreich war.

Dies ist schon sehr deutlich – und spricht natürlich schon einmal für den Autor, der Adorno noch zu Lebzeiten als Student in live erlebte.

In der Vorbemerkung stellt er dann auch klar, was das prinzipielle Problem nicht nur einer Biographie über Adorno, sondern im Sinne Adornos jeder Biographie ist:

Eine Biographie über Adorno setzt sich dem Einwand aus, daß er selbst diese literarische Gattung alles andere als schätzte, vielmehr erhebliche Vorbehalte hatte, künstlerische oder philosophische Werke über das Leben des Autors oder der Autorin zu erschließe. Auch für seine Person brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, daß man seinen Schriften den Vorrang gegenüber dem Akzidentiellen seiner Existenz geben würde.

Adorno hielt es für unergiebig, nach subjektiven Elementen in Werken von KünstlerInnen, PhilosophInnen oder SchrifterstellerInnen zu suchen, ihm ging es um den objektiven Gehalt dieser. Doch die bürgerliche Adornorezession (und das nicht nur bei ihm, sondern bei so gut wie jeder biographierten Persönlichkeit), macht genau das: Adornos Aussagen werden oft als rein historisch bedingte Aussagen, die als Reaktion zum Faschismus gesehen, die heutzutage überhaupt keine objetive Aussagekraft mehr besäßen. Ganz im Gegenteil: Adorno und die kritische Theorie werden oft sogar als Gründungshelfer der BRD gefeiert, als Heroen eines nichtfaschistischen Neubeginns. Das ist schon widerlich, wenn man Adorno als Theoretiker liest, dessen Aussagen für den Kapitalismus, für die bürgerliche Gesellschaft im Allgemeinen und nicht für eine bestimmte Phase derselben gelten (auch wenn es natürlich ebenso im Sinne Adornos sein dürfte, deren objektiven Wahrheitsgehalt beständig kritisch zu prüfen, schließlich schrieben er und Horkheimer selbst im Vorwort zur Neuausgabe der „Dialektik der Aufklärung“: „Nicht an allem, was in dem Buch gesagt ist, halten wir unverändert fest. Das wäre unvereinbar mit einer Theorie, welche der Theorie einen Zeitkern zuspricht, anstatt sie als Unveränderliches der geschichtlichen Bewegung entgegenzusetzen.“ )
Auch Stefan Müller-Doohm will von solch affirmativem Relativismus nichts wissen, das macht er im Verlauf der Vorbemerkung unmissverständlich klar. Natürlich: als Wissenschaftler zur Neutralität verpflichtet, schreibt er Aussagen Adornos oder anderer Menschen im Laufe des Buches stets im Konjunktiv. Genauso nimmt er Adorno und die kritische Theorie aber stets in Schutz, wenn es um besonders populäre Einwände gegen sie geht, z.B. wenn behauptet wird, Adorno hätte den Positivismus unzutreffend definiert oder man einfach Adorno sein skeptisches Verhältnis zur Praxis vorwirft. Und er will Adorno als Denker schildern, und zwar als sozialen Denker samt seines Umfelds und nicht als isoliertes „Genie“ glorifizieren*.
Diese Ziele hat er meines Erachtens vollkommen erfüllt, und er untermauert letzteres auch noch mit einem Adornozitat, dass während der Arbeit an der Biographie über seinem Schreibtisch hing (aus den „Soziologischen Exkursen“ des Instituts für Sozialforschung von 1956):

Noch die biographische Einzelperson ist eine soziale Kategorie. Sie bestimmt sich einzig innerhalb eines Lebenszusammenhangs mit anderen, der ihren Sozialcharakter bildet; erst in ihm hat ihr Leben unter gegebnen gesellschaftliche Umständen Sinn.

Adornozitate haben übrigens in der Biographie eine ganz besondere Funktion: Jedes neue Kapitel wird mit einem angeleitet, so z.B. die Vorbemerkung mit „Neugier, das Lustprinzip des Gedankens“ aus „Essay als Form“ und das Kapitel, in dem die Ehe und das Kennenlernen von Adorno und seiner seiner späteren Ehefrau Margerete „Gretel“ Karplus geschildert werden mit „Der Befehl zur Treue, den die Gesellschaft erteilt, ist Mittel zur Unfreiheit, aber nur durch Treue vollbringt Freiheit Insubordination gegen den Befehl der Gesellschaft.“ („Minima Moralia“). Durch dieses raffinierte Konzept, mit dem Adorno in gewisser Weise Kommentator seines eigenen Lebenslaufs wird, wird die Biographie sicherlich nochmals um einiges authentischer und „Adorno-näher“ als sie es, gerade wegen ihrer Distanz zum Privatmann Adorno, ohnehin schon ist.

Interessant finde ich dabei auch ein Beispiel, wie Adorno selbst Biographien schrieb, dass Stefan Müller-Doohm ziemlich ausführlich behandelt, nämlich sein 1960 erschienenes Buch „Mahler. Eine musikalische Physiognomik.“ (was übrigens wie die Adornobiographie zu Mahlers 100. Geburtstag erschien). Da arbeitete Adorno, soweit aus der Inhaltsangabe der Biographie ersichtlich, nämlich so: er analysierte die wichtigsten Werke Mahlers, im wesentlichen die neun Symphonien und einige Lieder, und behandelte Mahlers Leben nur am Rande.
Teilweise erscheint Müller-Doohms Biographie ähnlich konzipiert zu sein: als eine Aneinanderreihung der Werke Adornos, obwohl dies freilich keine „Analysen“, sondern er eher kurze, aber das wesentliche sicher auf den Punkt bringende, Inhaltsangaben sind. Das private Leben Adornos wird in Müller-Doohm’s Biographie allerdings tatsächlich zur fast vollkommenen Nebensache: die Ehe zwischen „Teddie“ und „Gretel“ wird tatsächlich nur in dem einen oben erwähnten Kapitel näher geschildert, ansonsten steht stets das soziale Leben Adornos, also seine Außenwirkung, im Vodergrund. Adorno selbst spricht nur aus seinen Werken (dies entspricht auch der rein „werkimmanenter“ Methode, die Adorno selbst für Werkanalysen anwandte) und seinen Briefen, in denen es dann aber v.a. um politisches, wissenschaftliches etc. geht, nie um Privatangelegenheiten (ergänzt um einige Traumnotizen, die allerdings zumeist nur den Zweck haben, dem Leser Adornos tiefe Verzeiflung angesichts eines katastrophalen Weltlaufs begreiflich zu machen und ebensowenig intime Details berühren). Man erfährt zwar am Rande z.B. von einigen außerehelichen Liebesabenteuern Adornos, aber wenn Müller-Doohm solche für Adorno sehr wichtigen Aspekte weggelassen hätte, wäre das Bild, das er von Adorno macht, sicher auch verfälscht.
Selbst über Adornos Kindheit und Jugend hält sich der Autor seltsamerweise äußerst bedeckt, im Vergleich zu eher psychologistisch geprägten Biographien. Er beschränkt sich hierbei auf die Aspekte, die für Adornos späteres Werk tatsächlich von Bedeutung waren, nämlich seine extrem glückliche Kindheit in einem sowohl sehr wohlhabenden als auch sehr weltoffenen und künstlerisch geprägten großbürgerlichen Elternhaus in Frankfurt, mit seinen „zwei Müttern“, den Schwestern Maria (seine richtige Mutter) und der im Haus lebenden Agathe Calvelli-Adorno della Piana und seinem „Ithaka“, Amorbach, einem kleinen Flecken in der Nähe von Frankfurt sowie seine ersten Erfahrungen als elitärer Außenseiter in seiner Schulzeit, die aber beide auch von Adorno selbst immer wieder thematisiert wurden.
Im etwas befremdlichen Gegensatz dazu nimmt allerdings die familiäre Herkunft Adornos, also seine Ahnenschaft, einen umso größeren Raum ein, nämlich ganze 12 (im Vergleich dazu: das Kapitel über die Schulzeit Adornos umfasst 8 Seiten). Auf der anderen Seite ist es doch recht spannend, die abenteurliche Lebensgeschichte Adornos Großvater mütterlicherseits, eines korsischen Fechtmeisters, der sich auf abenteurlichem Wege nach Frankfurt durchschlug und dort Adornos Großmutter, eine Tochter aus einer alteingesessenen Frankfurter Bürgersfamilie ehelichte. Vermutlich hat dieser Abschnitt aber eher kompositorische Gründe als wirklich inhaltliche. Stefan Müller-Doohm will Adornos Existenz eben in einen historischen Kontext einbetten und zugleich eine Art „Overtüre“ zum dann folgenden 1. Akt bilden.
Für diese These eines höchst durchplanten, fast schon dramatischen Aufbau der Biographie spricht schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis: sie ist in 4 Teile gegliedert.
Auffallend ist zudem ein gewisses scheinbares Chaos: verläuft die Handlung zunächst in vollkommen althergebrachten, chronologischen Bahnen, so beginnt sich diese Ordnung im Verlauf immer mehr zu zerfasern. Insbesondere die letzten beiden Lebensjahrzehnte Adornos, die 50er und 60er Jahre, die er in größenteils wieder in seiner Heimatstadt Frankfurt verbrachte, gewinnen so eine durchaus realistische Lebendigkeit. Denn Adorno, ein wahrer „workaholic“** hat diese Phase wahrscheinlich wirklich so erlebt: nicht als kontinuierlichen Ablauf einzelner Erlebnisse, sondern als völlige Diskontinuietät zwischen Verwaltungsaufgaben, Vorträgen, Aufzeichnungen für den Rundfunk und Verfassen von Texten. Schon allein die Vielschichtigkeit seiner Interessen macht ja eine strikt chronologische Darstellung seines Lebens vollkommen unmöglich: mal komponierte Adorno, mal beteiligte er sich an soziologischen Studienprojekten, mal verfasste er zusammen mit mit Horkheimer ein Buch, mal alleine.
Er unterhielt regen Briefverkehr mit der halben deutschsprachigen Intelligenzia seiner Zeit, aber auch nach Frankreich, den USA und anderen Ländern, beschäftigte sich mit Literatur, Musik, Massenmedien, Philosophie, Politik und der Gesellschaft. Und noch dazu verfasste er zu all diesen „Interessengebieten“ (wenn man das überhaupt so nennen darf) noch durchweg bedeutsame Schriften.
Dies nur als Überlegung, um die innere Gliederung der Biographie analytisch zu betrachten. Das Vorgehen des Autors ist dabei im übrigen ziemlich ähnlich:
erst wird eine wesentliche Veränderung Adornos Lebenssituation (meist dargestellt in einem geographischen Wechsel, wie im Traum***) näher beschrieben, dann welchen Aktivitäten er in dieser Zeit nachging, der Reihe nach musikalischen, literarischen etc.pp. Dies ist dann wiederum verwoben mit einem ganzen Rattenschwanz weiterer Anekdoten aus Adornos Leben und so springt der Autor von einer Jahreszahl zur anderen, manchmal um Jahrzehnte.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Art, wie der Autor auf die Hauptwerke Adornos, gewissermaßen als Höhepunkte seines Lebens, hinerzählt. Sowohl die „Dialektik der Aufklärung“ als auch v.a. die „Negative Dialektik“ werden immer wieder angekündigt, immer wieder fast beiläufig einzelne Punkte, um die sie kreisen, erwähnt, bis dann die Werke selbst geschildert werden. Die „Negative Dialektik“ erscheint so tatsächlich als Hauptwerk Adornos, als Frucht der Mühen seines theoretischen Lebens. Denn durch den gesamten letzten Teil ziehen sich Sätze wie „mit diesem Problem sollte er sich noch Jahre später in der ‚Negativen Dialektik‘“ beschäftigen, oder „dies und jenes macht eine umfangreiche philosophische Arbeit nötig, die Adorno allerdings erst Jahre später realisieren konnte“. Die so als dramaturgische Höhepunkte verwendeten Hauptwerke erscheinen auf diese Art als Konsequenzen der vorhergenden Arbeiten Adornos, fest in sein restliches Schaffen eingeordnet, zugleich aber auch als Lösungsversuche sich ergebener Widersprüche. Diese Darstellungsweise ist absolut realitätsnah und zeugt wiedereinmal vom hohen theoretischen und auch literarischen Anspruch der Biographie. Schließlich hat Horkheimer tatsächlich mindestens seit den 40ern angeregt, einmal ein umfangreiches Grundlagenwerk über Dialektik zu verfassen, woraus dann zunächst allerdings „nur“ die „Dialektik der Aufklärung“ entstand und erst in den 60ern dann die „Negative Dialektik“. Ein Autor, zumal ein Philosoph, setzt sich ja auch nicht hin und denkt sich „ach, über welches schöne Thema kann ich denn jetzt mal nachdenken“, sondern er denkt über Probleme nach, die sich im Laufe der Arbeit an anderen Problemen ergaben und hält diese schriftlich fest.

Besonders interessant zu lesen, vermutlich, weil der Autor selbst ja Zeitzeuge war, sind die letzten Kapitel der Biographie, in denen es um die sehr schwierige Auseinandersetzung Adornos mit der Studentenrevolte findet. Gerade hier beweist Stefan Müller-Doohm seine Fähigkeit, beide Seiten plausibel darzustellen: einerseits Adorno, der sich auf seine theoretischen Arbeiten konzentrieren wollte, die ihren Schwerpunkt nach der Fertigstellung der „Negativen Dialektik“ nach seinem eigentlichen Willen ausgerechnet im weitgehend untagespolitischen Bereich von Ästhetik und Kunst haben sollten, andererseits die Frankfurter StudentInnen, die ja allesamt SchülerInnen Adornos waren und sich nach praktischer Umsetzung seiner Theorien sehnten (die sie dann freilich oft nur bruchstückhaft verstanden hatten).
Diese Debatte hat ja, bei aller Historizität, einen durchaus noch heute aktuellen Kern: wie sieht es mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis aus angesichts der nicht zu leugnenden objektiven Ohnmacht beider. Adornos Standpunkt war hierbei klar: Theorie und Praxis könne, ja dürfen, nicht identisch sein und kompromisslose theoretische Kritik ist einer überstürzten, irrationalistischen Praxis allemal vorzuziehen, wenn nicht gar der einzige Ausweg, der sich dem seiner Autonomie beraubten Subjekt überhaupt noch bietet.
Inhaltlich hatte Adorno gegen die Forderungen der 68er Bewegung was die Hochschulreform betraf ja überhaupt nichts auszusetzen, nur glaubte er weder an eine baldige Revolution noch stimmte er der Militanz zu, mit der die StudentInnen vorgingen, weshalb er sich selbst dazu hinreißen ließ, ihnen in Zeitungsinterviews den von Habermas, seinem Assistenten am Institut für Sozialforschung, als Begriff entwickelten „Linksfaschismus“ vorzuwerfen.
Müller-Doohm zitiert allerdings auch einen Brief Marcuses an Adorno, in dem er unmissverständlich klarmacht, dass seine Solidarität den StudentInnen gilt und nicht ihm, wenn dieser sich gegen die StudentInnen stellt. Adorno blieb da nichts anderes übrig, als gegenüber Marcuse und anderen Kritikern aus dem linken Spektrum immer wieder auf die Unmöglichkeit revolutionärer Veränderung in der Gegenwart zu pochen – aus dem Rückspiegel betrachtet natürlich zu Recht.

Dem Gedankengang oben folgend, kann man die letzten Kapitel der Biographie vielleicht so beschreiben: nach der Fertigstellung seines Hauptwerks wird Adorno immer mehr von den StudentInnen bedrängt und flieht depressiv und gesundheitlich angeschlagen in die Schweizer Alpen, wo er stirbt, zahlreiche weitere Werke in Planung. Ein passendes Ende für einen lebenslangen Kämpfer gegen den Weltlauf, das der Autor freilich wie immer streng neutral schildert – ein sicher gewünschter dramatischer Effekt steht zwischen den Zeilen, nicht in ihnen.

Fazit: Wer also an einer wissenschaftlichen, bis ins Detail getreuen Darstellung Adornos Leben und Werk samt der Zeit, in der er lebte, interessiert ist, ist mit Stefan Müller-Doohm: „Adorno – Eine Biographie“, erschienen 2003 im Suhrkamp Verlag, sicher mehr als gut beraten.


* Schon allein die Bezeichung Adornos als „Genie“ (vgl. die Adorno-Biographie von Detlev Claussen „Ein letztes Genie“) weißt ja eindeutig in diese Richtung: ein Genie ist gewissermaßen ein lebendes Wunder, eine einmalige Ausnahmeerscheinung, die durch solche Glorifizierung aber andererseits auch jedweder rationellen Beurteilung ihrer „genialen“ Werke vollkommen entzogen wird, es sei denn, es handelt sie um den Vorwurf des Veraltetseins, der dann meist anhand von dümmlich-positivistischen Allgemeinplätzen belegt wird. Außerdem gibt es ja schließlich noch viele andere „Genies“, die sicher genauso toll waren.
** Das heißt nicht, dass Adorno wirklich „süchtig“ die ganze Zeit nur gearbeitet hätte. Im Urlaub konnte er, wie Stefan Müller-Doohm berichtet, auch mal ausspannen und hat dann mehrere Wochen garnichts anspruchsvolles gelesen/geschrieben.
*** Dieser von Adorno geäußerte Gedanke über die Eigenart des Zeitverlaufs in Träumen, der sich stets als Änderung des Ortes darstellt, findet sich auch in der Biographie als Zitat.