Das antikapitalistische Archiv

10. März 2006

Adorno in Kürze

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Die grundlegende Methode Adornos ist die der Dialektik. Diese von Hegel entwickelte Betrachtungs- und Denkmethode behandelt die stetige Entwicklung von Begriffen, die jeweils die Tendenz zur Entwicklung zu ihrem eigenen Gegenteil beinhalten. Feststehende, nicht in dieser Entwicklung begriffende Begriffe gibt es für die Dialektik nicht.
Der Begriff des reinen Sein, des sein ohne Prädikat („ich bin“), beinahltet so bereits den Begriff seines Gegenteils, des Nichts, da Sein ohne Prädikat inhaltsleeres, nichtiges Sein ist. Was kann ich über ein Ding ohne Prädikat aussagen? Das es ist? Was ist der Unterschied eines solchen Dinges, zu einem Ding, das nicht ist?
Dieses Beispiel ist angelehnt an Hegel selbst, für Adornos denken entscheidender ist folgender Zusammenhang:
Kultur ist für Adorno Freiheit, Freiheit z.B. vom Tauschwert, die Vorwegnahme einer richtigen Welt in einer komplett falschen. Im Kapitalismus schlägt die Kultur jedoch zu ihrem Gegenteil um: als Freiheit von natürlich Zwängen, zur Unfreiheit als totale Kontrolle der Natur, also auch der des Menschen selbst. Die moderne Kulturindustrie ist so keine Kultur im Adorn’schen Sinn mehr: sie ist eine Unkultur, die nur noch die Legitimierung gegebener Herrschaft zum Zweck hat. Als Beispiel können da die KZ-Aufseher im Vernichtungslager dienen, die nach der harten Arbeit Entspannung bei klassischer Kammermusik suchten. Kultur, die doch eigentlich unvereinbar mit solchem Greuel sein sollte, steht hier nicht mehr im Widerspruch zur Barbarei: sie ist Barbarei.
Trotzdem hält Adorno jedoch an der Kultur als Vorwegnahme der Utopie fest, da sie eben neben dem richtigen auch das falsche beinhaltet: es ist eben jene stellenweise fast schon paradox anmutende Ambivalenz, die Adornos Denken so faszinierend macht.

Mindestens eben so wichtig ist bei Adorno der Begriff der „Totalität“: jedes Einzelphänomen ist das Gegenteil der Summe aller anderen Phänomene, ist die totale Einheit des Ganzen vorrausgesetzt. Das macht Hegel, er kann daher auf diesen Widerspruch reflektieren. Adorno wirft Hegel zwar seinen positiven Bezug auf die Totalität vor, macht sie aber auch zur Vorraussetzung seiner kritischen Methode, nur eben im umgekehrten Sinn: die Totalität der kapitalistischen Gesellschaft ist für ihn das Negative, das falsche schlechthin. Tatsächlich dominiert Zweckrationalität und Tauschmoral das Denken der Menschen bis ins intime private: niemand mehr kann sich einzeln dieser Allgegenwart entziehen, es sei denn die Menschheit als ganzes (was auch Adorno sinngemäß so formulierte).
Dieser Totalitätsbegriff macht es möglich, an jedem Einzelphänomen der kapitalistischen Gesellschaft die Grundprinzipien dieser Gesellschaft herauszuarbeiten, sei es in der Musik oder in der Literatur: alles wird von den gleiche, allgegenwärtigen Gesetzen bestimmt, was tatsächlich eine ziemlich beängstigende Vorstellung, ja, leider auch wohl Realität ist.

Dass in so einer kollektivistischen, falschen Gesellschaft kein Glück, nichts Schönes geben kann ist klar. Adorno hat auch nichts weniger vor, als diesem falschen einen konkreten Gegenentwurf entgegenzusetzen, seinem ganzen Denken ist ein solcher Positivismus diametral entgegengesetzt: er kann nur zu negativen, nicht zu positiven Aussagen gelangen. Und das ist auch richtig so, affirmiert eine positive, „konstruktive“ Kritik am Bestehenden doch nur noch zusätzlich: nur eine gänzliche Verweigerung dieser Konstruktivität kann Veränderungen bewirken.
Adorno will sich aber auch nicht von utopischem Denken verabschieden: die Hoffnung auf eine bessere welt, oder vielmehr: das Wissen, um die Möglichkeit zu einer besseren Welt, ist die einzige Möglichkeit, sich eine winzige Freiheit aufrechtzuerhalten, auch wenn diese Utopie nur negativ auf das Jetzt bezogen sein kann. Das ist ja auch Adornos Lob der Kultur.

Mit dieser kurzen Darstellung ist freilich Adornos Ideenwelt noch nicht mal annähernd erschöpft. Als Einstiegslektüre ist sicher „Minima Moralia“, eine Aphorismensammlung mit kleinen Stücken, die Adorno zu den verschiedensten Themen verfasste, über Ehebruch zu Gedanken über die Lüge, etwas in einer falschen Welt als „schön“ zu bezeichnen, vom Faschismus zu Problemen, mit denen Adorno im Exil konfrontiert war. Dass der Titel freilich nicht ganz korrekt ist, stellt Adorno bereits im Vorwort da: es ist sicherlich verkehrt, sich in einer Gesellschaft, in der es sowas wie Autonomie des Subjekts garnicht mehr gibt, das Subjekt (der einzelne Mensch), quasi zum Objekt degradiert wurde, Gedanken über Moral und individuelle Probleme zu machen. Andererseits ist es auch nicht falsch, denn auch am Einzelschicksal lässt sich noch immer die Struktur des Kapitalismus ausmachen (da ja die Totalität garkeine rein individuellen Erfahrungen mehr zulässt). Auch die Adorno-Einführung der junius-Reihe ist sehr empfehlenswert, v.a., wenn man auch etwas über die Wurzeln Adornos bei Hegel und Kant wissen möchte.

Was Adorno auch so spannend macht ist, dass er ein Denker mitten in radikalen gesellschaflichen Umbrüchen war: die moderne Massenkultur setzte sich durch und deutete bereits die Postmoderne als Zeitalter des totalen Relativismus an. Adorno hat mit der Ablehnung, mit der er auf dieser Neuerungen reagierte, zweifellos recht behalten, die Massenkultur hat das Denken und Fühlen der Menschen zu einer uniformen Gleichheit degradiert, die Postmoderne den Schein einer, freilich stets repressiven, Toleranz und Pluralität erzeugt, der freilich nicht mehr als ein schöner Schein ist: wenn Individualität zum Zwangsprinzip erhoben wird, ist sie keine Individualität mehr.

Und nach allem Lob auf Adorno hier noch mal ein Link zu einer wirklich guten Adornokritik, dem ich keinen von euch vorenthalten will:
http://www.philolex.de/adorno.htm

Viel Spaß beim Lesen!