Das antikapitalistische Archiv

2. September 2006

4 Wochen Sonnenschein

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Diesen Sommer war ich 4 Wochen in Los Angeles, dort lebt meine Cousine und Patentante. Es hat kein einziges Mal geregnet, wofür man mich in Deutschland ziemlich beneidet. Als Ausgleich habe ich daher beschlossen, ein gutes Stück aus dem Kuchen meiner Erlebnisse herauszuschneiden und hier online zu stellen. Natürlich immer im Blick, was von allgemeinem Interesse sein könnte…
Nach mindestens 13 Stunden Flug über London Heathrow blickte ich aus dem Fenster der Boeing und sah nur Wüste – doch dann tauchte am anderen Ende der Wüste plötzlich eine Stadt auf, eine Stadt zwischen Wüste und Ozean, eine Stadt, wie es sieh nur einmal gibt – L.A., „die Stadt der Engel“.
Zuerst mal eine kurze Charakterisierung dieser Metropole: sie hat mehr Einwohner als die ehemalige DDR, ich glaube irgendwas um die 20 Millionen (mit Umland natürlich), ihre Landschaft ist so mediteran, das man eigentlich garnicht mehr nach Italien fahren braucht, wenn man in ihr lebt, und überall wachsten Bäume und Pflanzen zwischen den Häusern – „Großstadtdschungel“ erhält so eine ganz neue Bedeutung. Im Westen begrenzt sie der Pazifik, im Osten hohe Berge, dazwischen ragen in der Mitte die Wolkenkratzer des Financial District in Downtown auf, der Rest ist eine schier endloser Häuserteppich, durchzogen von den langen Bändern der Free- und Highways. Den ganzen Tag scheint die Sonne, die Leute benutzen ihre Klimaanlagen nicht zum Spaß (das musste ich am eigenen Leib feststellen, als die Klimaanlage in der Sprachschule, die ich besuchte, einen Tag mal ausfiel) – auch wenn ich am Ende wegen der ständigen Temperaturwechsel ziemlich erkältet war.
In L.A. gibt es kaum fette Menschen und ein gut ausgebautes öffentliches Nahverkehrssystem, das zur einstweiligen Beunruhigung der Antiamerikafraktion. Krasse sichtbare und unsichtbare Klassengegensätze gibt es, obwohl ich persönlich das krasse Elend kaum gesehen habe, da ich mich fast ausschließlich in den sicheren Vierteln der Stadt nörlich und östlich von Downtown bewegte (aus gutem Grund, denn schließlich läuft man in einem Land, in dem sicher jeder gewöhnliche Taschendieb eine Schusswaffe besorgen kann, nicht nur in Gefahr sein Geld bei einem Überfall zu verlieren). Rein empirisch ist auch recht gut sichtbar, dass diese Klassengegensätze ihren Ausdruck allermeist in Rassengegensätzen finden („Rasse“ ist hier freilich nicht als objektiv existente, sondern als sich erst aus gesellschaftlichen Kategoriesierungsprozessen herausbildende Kategorie zu betrachten, ein Konstrukt): fast alle Obdachlosen, denen ich begegnet bin, waren entweder Schwarze oder Latinos, im Bus, dem Transportmittel derer, die sich kein Auto leisten können, war das Bild ebenso eindeutig, genauso bei der Besetzung der billigen Arbeitskräfte in Supermärkten etc. Und eine ältere Dame, mit der ich mich unterhielt, regte sich darüber auf, wie wenige der Zuwanderer vernünftig Englisch könnten.
Wenn es diesen offensichtlichen Rassismus nicht gäbe, könnte man allerdings von L.A. glatt als einer mulitkulturellen Utopie sprechen: die Sprachschule, die ich besuchte, war in Koreatown, jeden Tag fuhr ich mit dem Bus durch ein großes jüdisches Viertel mit mehreren Synagogen und an der nahe meiner Wohnung gelegenen UCLA studieren vermutlich StudentInnen vermutlich aller Ethnien, die es gibt. Thaifood und alle möglichen anderen Sorten asiatischer Kochkunst sind absoluter Standard (den von Deutschland her gewöhnten Döner habe ich allerdings vermisst). Einmal redete mich sogar eine alte Dame auf der Straße einfach mal auf Koreanisch (vermutlich) an. Auch sowas kommt vor.
Probleme als Zwangs-Deutscher (mein Akzent beim th ist anscheinend doch noch sehr stark) hatte ich dagegen so gut wie nie, ganz im Gegenteil: fast alle Amerikaner, mit denen ich geredet habe, scheinen, wenn schon nicht germano-, so doch zumindest ausgesprochen europhil zu sein. Ein Photograph, den ich aufsuchte, um mir 2 Passbilder zu machen (wofür er dann unverschämterweise 6 Dollar haben wollte), redete ganz empathisch von „german perfection“ und präsentierte mir als „Beweisstück“ stolz seinen „Mont Blanc“-Kugelschreiber, den er für mehrere hundert Dollar erworben hatte. War auch echt ein tolles Stück, mit milimeterdünnen Gravuren und ausgeklügeltem Design. Nur: was ich hatte ich damit zu tun? Ganz davon abgesehen, dass die deutsche Perfektion auch noch für ganz andere Bereiche gilt, die weniger filigran sind…
Und als Gipfel seiner Begeisterung bescheinigte er mir dann noch, wie toll arisch ich doch aussähe! Auf dieses „Kompliment“ (was wohl tatsächlich so gemeint war) fiel mir dann doch nichts anderes ein, als „That’s not so important for me!“ einzuwenden und schleunigst den Laden zu verlassen. Die spinnen, die germanophilen Amis.
Ungewöhnlich für mich war es auf jeden Fall, plötzlich ein Deutscher zu sein und mit Deutschland identifiziert zu werden. Und mich dann vermutlich als unbewusste Reaktion darauf zu ertappen, z.B. ganz glücklich zu sein, an einer Beschriftungstafel im Norton Simon Museum das Wort „besieging“ zu lesen (was aber leider dann doch nicht „besiegend“ sondern „belagernd“ bedeutete) oder ein wenig enttäuscht darüber, dass selbst meine Lehrerin an der Sprachschule das Wort „rucksack“ nicht kannte, das man uns im Englischunterricht neben „kindergarten“ immer als das deutsche Fremdwort im Englischen verkauft hatte (schöne Blamage). Stattdessen heißt es „carrying bag“, wenn ich mich recht erinnere. Das kann allerdings auch meiner linguistischen Ader geschuldet sein. Wenigstens ließ ich mich nicht dazu herab, einen deutschen Touristen anzulabern alla „Ach wie schön, endlich mal wieder einen richtigen Menschen zu treffen“ oder so. Meistens verärgerte es mich sogar, welche zu bemerken (auch wenn es mich wiederum faszinierte, dass ich tatsächlich nur an den Lippenbewegungen erkannte, ob jemand Deutsch sprach). Nur einmal biederte ich mich so bei einem Konzert einer Frau mit Deutschland-Cappi an, die aber weder Deutsche war, sondern nur in „Munich“ geboren und ein Fan der deutschen Nationalmannschaft, noch so jung, wie ich sie auf den ersten Blick geschätzt hatte.
Zum Glück hat von mir nie jemand verlangt, ihm bei Bau eines Modellautos zu helfen oder eine Biermarke zu empfehlen! Es ist wahrlich nicht leicht, im Ausland der Deutsche zu sein, den man daheim verabscheut.

Meine Hauptbeschäftigung, außer besagte Sprachschule in Koreatown zu besuchen, um mein holpriges Gymnasialenglisch alltagstauglich zu machen und am Strand zu liegen… ach, ich werde wohl doch zuerst von den Stränden erzählen. Santa Monica Beach war beim ersten Mal eine wahre Erleuchtung, beim zweiten Mal der Horror, nachdem ich Venice und vorallem Malibu kennengelernt hatte. Bei letzterem war allerdings das Wasser, wenn auch extrem sauber, verdammt kalt, Venice, wo ich die meiste Zeit war, war eine gute Mischung aus beiden Extremen. Ich hab mir allerdings sagen lassen, dass die Strände südlich von Venice sowohl sauber als auch warm sind – ein guter Tipp fürs höchst unsichere nächste Mal (2015?).
Nun aber zurück zum abgebrochenen Satzfragment: eine meiner Hauptbeschäftigungen war zweifellos Museen zu besichtigen, denn davon gibt es in L.A. eine ganze Menge, L.A. ist laut Infoclip im Flugzeug (Virgin Atlantic – sehr empfehlenswert schon allein wegen dem chicken Design) mit 300 die Stadt mit den meisten Museen in den USA. Der Clou: da es sich meistens um private Stiftungen irgendwelcher Milliardäre handelt, ist der Entritt entweder spottbillig oder kostenfrei. Wahrscheinlich aber kein Mentalitätsunterschied zu den Milliardären in Deutschland, sondern eher ein quantitatives Faktum; es gibt in Deutschland einfach weniger von ihnen. Um es noch eloquenter auszudrücken: ein Kunstmuseum als Ausdruck von Schönheit wird dort zur Manifestation gewaltiger Klassenunterschiede, hier der Allmacht des Staates. Die Wahl zwischen beidem ist sprichwörtlich, zumal man nicht glauben darf, es gäbe weder Staat noch Bürokratie in Amerika, von Amerikanern selbst wird Bürokratie sogar als typisch amerikanisch empfunden. So erzählte ich der Schulsekräterin von dem Ärger, den ich hatte, weil ich mir eine kostenlose Schülerfahrkarte für den Bus besorgen wollte (was dann aber letztendlich doch nicht geklappt hat) und sie kommentierte nur: „Welcome to America.“ Dass es übrigens in den USA keine Sozialhilfe geben würde, ist ebenfalls ein Gerücht. Sie wird allerdings gezielt nur an arme Familien mit Kindern verteilt, die dann allerdings relativ gut versorgt werden.
Aber zurück zu den Museen: da gab es z.B. das Skirball-Center, ein Zentrum für jüdische Kultur in Amerika, mit einer umfassenden Geschichte des Judentums, die allerdings, obwohl sie stellenweise wirklich höchst interessant war, höchst ideologisch daherkam. Demokratiewütig und amerikapatriotisch bis zur Brechreizgrenze. So als wären die USA und nicht Israel die Schutzmacht der Juden vor gegenwärtigem und künftigem Antisemitismus! Der Antisemitismus (und auch Rassismus) freilich, der in den USA selbst v.a. in den 30er Jahren (Henry Ford) in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreitet war(/ist?), wurde dabei nichteinmal verschwiegen (wenn auch sicher untertrieben), sondern Kritik an und Begeisterung für der/die amrikanische/n Gesellschaft einfach mal als Paradoxa nebeneinandergestellt. So wurden z.B. in einem Film des Museums Aufnahmen von jüdischen Emigranten aus Europa, die in die USA einwandern wollten und sich daher erst einmal einer gründlichen Visitation, eingepfercht in gruselige Behördenwartesäle, unterziehen mussten, ernsthaft mit pathetischen Orchesterklängen unterlegt. Genauso übrigens immer, wenn irgendwie von den USA die Rede war. Wie demgegenüber Israel fast als unnötige Nebensache dargestellt wurde (alla: „und da gab es noch ein paar komische Hanseln, die haben dann Israel aufgebaut“), halte ich für nichts weiter als latenten Antizionismus. Als das Gespräch auf die strengen Einreisebestimmungen für Juden während des 2. Weltkriegs kam, wurden dann auch noch mal nicht die damals Regierenden, sondern ausgerechnet die in den USA lebenden Juden selbst, die zu feige gewesen wären, sich bei der Regierung wegen dieses Missstandes zu beklagen, für das ganze Desaster verantwortlich gemacht. Na klar, und an der Abschottungspolitik der EU Richtung Afrika sind in Wahrheit die in der EU lebenden Afrikaner Schuld! Wenigstens gab es dann noch ein echt tolles Klezmerkonzert mit den „New Orleans Klezmer All Stars“ am Abend…
Eine wesentlich angenehmere Museumserfahrung boten für mich die Kunstmuseen, darunter hervorzuheben das ja ziemlich bekannte Getty-Center und das bereits oben erwähnte Norton-Simon-Museum. Beide zeichneten sich v.a. dadurch aus, dass sie einfach epochenübergreifend waren: so konnte man im einen Saal französische Impressionisten des 19.Jh.’s , im nächsten moderne Kunst aus dem 20.Jh. sehen und einfach mal die Epochen vergleichen. Das Norton-Simon-Museum hatte v.a. viele fanzösische Impressionisten (die in den USA generell sehr beliebt zu sein scheinen), darunter eine riesige Degas-Sammlung (Degas habe ich dort richtig schätzen gelernt, das war ein Künstler, der fast ausschließlich Bronzestatuen und Gemälde von Ballettänzerinnen gemacht hat). Kein Vergleich allerdings zum Getty-Center, das ist ein wahrer Kunstpalast. Das Gebäude steht auf einem weithin sichtbaren Hügel und ist ganz mit italienischem Sandstein verkleidet, die Baukosten sollen eine Milliarde Dollar betragen haben. Außen herum ist dann noch ein beeindruckender Garten, der selbst eigentlich schon Kunst ist. Im inneren ist eine riesige Sammlung, die neben Gemälden v.a. Möbel beinhaltet (wobei ich die Möbel eher weniger spannend fand). Wie gesagt konnte ich dort wirklich mal eine Art Zeitreise machen: von der Antike bis in die Moderne. Vermisst habe ich nur ein wenig (in beiden Museen), die Expressionisten, die mir immer sehr gefallen. Entweder sie gefallen den amerikanischen Kunstsammlern einfach nicht, oder sie hängen alle in irgendwelchen europäischen Galerien (nicht zu vergessen die Bildzerstörungen durch die Deutschen).
Extrem cool war dann auch noch das „Museum of Jurrasic Technology“, ein vollkommen surreales Sammelsurium aus Obskuritäten und Raritäten verschiedenster Art, von einer Ausstellung über einen mittelalterlichen Alchemisten bis hin zu milimeter-kleinen Walt-Disney-Figuren, die ein verkrachter Violinlehrer in den 50ern auf Stecknadelköpfen modellierte. Am verwirrendsten war der seltsame Gestank, der im ganzen Museum herrschte, eine unheimlich stickige Luft, die ich irgendwie jetzt noch in den Nase habe. Und dann habe ich tatsächlich 2 Stunden damit verbracht, mir im Filmsaal des Museums vollkommen verrückte russische „Dokumentar“filme anzuschauen, deren Sinn ich eigentlich bis heute nicht verstehe (nicht wegen der Sprache, die waren schon mit englischen Untertiteln, wohlgemerkt!). Wer also eine wahrhaft psychedelische Begegnung mit dem Absurden haben will, der sollte sich dieses Museum auf jeden Fall mal anschauen, auch wenn es ziemlich abseits gelegen ist (in Culver City).

So, dass wars eigentlich schon. Zumindest fällt mir nichts mehr tolles ein, was ich erzählen könnte, oder besser gesagt: ich habe keine Lust mehr, mehr zu erzählen, denn eigentlich hätte ich noch mindest 10mal soviel an Erlebnissen im Kopf. Hollywood ist übrigens ein ziemlich madiger Flecken, dass will ich hier mal loswerden. Am „Walk of Fame“ stehen sage und schreibe zwei Scientology-gebäude und außer ein paar witzigen alten Kinos gibts da wirklich nichts zu sehen; man sollte halt mal dort gewesen sein. Die schwulen Szene in West-Hollywood konnte ich leider nicht kennenlernen, dazu war es zu weit von meiner Wohnung entfernt
Ansonsten kann ich nur sagen: L.A. ist eine der coolsten Städte, die ich bisher kenngelernt habe und ich wäre gerne doppelt so lang da geblieben und wäre jederzeit bereit, wieder dorthin zurück zu fliegen. Dass das nicht so einfach geht ist nur ein weiteres Argument gegen den Kapitalismus…

P.S: Für Fragen rund um L.A. stehe ich selbstverständlich gerne zur Verfügung, ich war ja schließlich einen Monat da.
P.P.S: Sonstige Dinge und Menschen:
Metropolis, Teergruben, widerlicher grüner Tee, Starbucks an jeder Ecke, Sushi, zwei kleine Mädchen, pädophiler schwuler Photograph, britischer Akzent, Burgen am Strand, grüner Schleim auf dem Wasser, ein Faun im Wald, lecker Fatburger, ein Buch im Handgepäck, ewig lange Metrofahrten, Möwenkreischen, Adressensuchen, riesige Bücherläden, schwule Klamottenläden, Geschenkesuchen, widerliche Zigarettenmarken, Klapperschlangen in den Bergen, Haie im Ozean, Segelschiffe, Kanäle in Venice, BusfahrerInnen, Friedhöfe, Soldatenfriedhöfe („in Reih und Glied bis über den Tod hinaus“), fliegende Dolche, Sprachschullehrerin, Ehemann der Cousine, Smalltalk, Schach, Schafkopf, Eistee, Coke, Iren, farmers market, Schwimmbad, Abendessen,…