Das antikapitalistische Archiv

19. Mai 2007

Kritische Theorie

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Versuch einer Verteidigung der „Kritischen Theorie“ vor ihren marxistischen Kritikern

Dieser Text stellt eine Art Gegenkritik gegenüber der von der marxistischen Gruppe „Gegenstandpunkt“ (GSP) 1986 veröffentlichten, aber bis heute publizierten, Broschüre mit dem Titel „Kritik der Kritischen Theorie“ dar. Der GSP stellt, wie stets in seinen Publikationen, den Anspruch, auf 100%-iger Rationalität begründet ihren Gegenstand der Kritik als entweder falsch oder richtig herauszustellen. Diesen Anspruch, der schon an sich zu kritisieren wäre, stellte ich nicht: mir geht es um einen kritischen Erkenntnisprozess, in dem beide Seiten gegeneinander abgewogen und aus dem letztendlich eine Art Zwischenergebnis, das aber niemals statisch bleiben darf, hervorgehen soll. Neben einer Kritik der Kritik des GSP hoffe ich dabei auch einige Thesen gegen den GSP an sich aufstellen zu können, was allerdings höchst schwierig sein dürfte, da der GSP mit seinem logischen Marxismus ja seinem eigenen Anspruch nach kein geschlossenes Weltbild, das man dann auch geschlossen kritisieren könnte, vertritt, sondern sich in seinen Äußerungen immer nur auf den jeweiligen Untersuchungsgegenstand konzentriert. Zumindest hat der GSP meines Wissens keinen Grundlagentext zur Logik publiziert, seine methodische Grundlage ist also mehr oder weniger nichts als der gesunde Menschenverstand. Hier zeigt sich schon der erste grundsätzliche Gegensatz zwischen GSP und KT: die kritische Theorie stellt nämlich gerade die Kategorien des logischen Denkens, die der GSP wie selbstverständlich anerkennt, grundsätzlich in Frage und versucht in ihren Texten gar nicht, jenen Kategorien gerecht zu werden. Auch ihre Sprache zielt nicht wie die des GSP auf Allgemeinverständlichkeit, auf uneingeschränkte Kommunizierbarkeit ab, sondern fordert den Leser als erkennendes Subjekt gerade durch ihre zugegebenermaßen schwere Zugänglichkeit heraus. Der GSP tut sich, indem er sich unhinterfragt auf die allgemein anerkannten Normen des Denkens und der Sprache stützt, so auch ziemlich leicht, der kritischen Theorie ihre Skepsis gegenüber diesen Normen vorzuhalten. Es ist tatsächlich keine große Kunst, die Erkenntnis-, Sprach- und Vernunftkritik der KT zu desavouieren, indem man deren Aussagen einfach auf absurd wirkende Allerweltsformeln herunterbricht. Die kritische Theorie selbst benutzt ja nicht selten bewusst paradox wirkende Formulierungen, die sich jedoch auf die spezifische Beschaffenheit des Gegenstands, der nun mal nicht binär zu fassen ist, gründen. Ein solcher Gegenstand ist nämlich die bürgerliche Gesellschaft. Bei ihrer „Rationalität“ handelt es sich um einen rationalisierten Wahn und es sollte eigentlich Aufgabe von Kritik sein, genau diesen Wahn begrifflich transparent zu machen, sich die Widersprüchlichkeit dieser Gesellschaft klar vor Augen zu machen. Bereits Marx tut das, indem er z.B. von „Realabstraktion“ spricht. „Realabstraktion“ ist eigentlich ein Unding: entweder etwas ist eine Abstraktion, und kann als solches nur vom denkenden Verstand hervorgebracht werden, oder es ist real, also unmittelbar fassbar. Oder die Grundthese der „Dialektik der Aufklärung“: „Aufklärung ist Mythos“. Herausgelöst aus seinem Kontext macht dieser Satz ebenso wenig Sinn wie die Behauptung, dass Äpfel Birnen sind, wenn man der Ideologie der Aufklärung von sich selbst Glauben schenkt. Insofern schenkt eben auch der GSP der Ideologie der Gesellschaft von sich glauben, indem er ihr zugesteht, rational strukturiert, ohne Widersprüche fassbar zu sein.
Ebenso wenig will der GSP einsehen, dass es gewisser, letztendlich nicht begründbarer Grundprämissen braucht, um diese Gesellschaft radikal kritisieren zu können, dass es nicht ausreicht, mit Nutzen und Schaden oder anderen, als „vernünftig“ angenommenen, Maßstäben zu hantieren. Und sei dies nur der bekannte kategorische Imperativ von Marx. Es ist ja richtig, dass letztendlich alle von der bürgerlichen Herrschaft unterworfenen einen Schaden nehmen, den sich eigentlich nicht zu erleiden brauchten, doch nüchtern weitergedacht führt dieses im Grunde bürgerliche Nutzen-Schaden-Denken zu einer plumpen Affirmation. Wenn ich nämlich möglichst wenig Schaden und möglich viel Nutzen erreichen will, wäre es eigentlich das Klügste, ich würde mich in die bürgerliche Gesellschaft integrieren, anstatt mein ganzes Leben mit ihrer Bekämpfung zu vergeuden. Und es ist höchst zweifelhaft, ob ein so gegen das Bestehende gewendete utilitaristische Egoismus überhaupt zum Kommunismus führen würde: Wäre es für die GSP-Anhängerschaft nicht am Klügsten, eine Diktatur aufzubauen, die ihnen den größtmöglichen Nutzen bringt? Ihre Argumentation, dass der Kommunismus eben die beste Möglichkeit zur Durchsetzung ist, erscheint mir als wenig glaubhaft, ja, ich denke, hier erlaubt sich der sonst so rationale GSP selbst mal eine Spekulation.
Zumal ich hier einen echten Widerspruch in der Logik des GSP zu finden glaube: in seinen Publikationen kritisiert er es oft, dass sich linksradikale Gruppen an bürgerlichen Maßstäben orientieren. Doch sind Kommunizierbarkeit, Einhaltung der bürgerlichen Denknormen und egozentrisches Nutzdenken etwa keine bürgerlichen Maßstäbe? Ich denke nicht, dass es an sich falsch ist, die bürgerliche Gesellschaft an ihren eigenen Maßstäben zu messen, denn gerade dadurch wird ihre Widersprüchlichkeit ja evident. Es muss sich um eine doppelte Kritik handeln, die sowohl die Maßstäbe in ihrem Wesensgehalt als auch an ihrer Realisation in der bürgerlichen Gesellschaft kritisiert. Der GSP hat allerdings auch ein ganz anderes Bild vom Kapitalismus als die kritische Theorie: das entscheidende für ihren Erhalt ist seiner Meinung nach nicht die bürgerliche Rationalität, sondern die bürgerliche Moralität. Das Individuum werde durch sie in die Gesellschaft eingefügt bzw. füge sich selbst in sie ein. Das mag nicht falsch sein, doch meines Erachtens ist es vielmehr die immanente Vernunft, die den Kapitalismus stabilisiert. Kein Bürger würde sich wegen moralischer Bedenken freiwillig ein Geschäft durch die Lappen gehen lassen, er stimmt selbst noch dem größten objektiven Wahnsinn (wie z.B. Menschenvernichtung, Krieg) zu, solange es ihm keinen Schaden bringt. Auch die Religion erhält sich ihre Daseinsberechtigung in zunehmendem Maße nur dadurch, dass sie sich dieser Scheinrationalität unterwirft, dass sie ihren Anhängern konkreten Nutzen im Diesseits verspricht anstatt sie mit einem abstrakten Seelenheil zu vertrösten. Und hier gewinnt die Vernunftkritik ihre Berechtigung: das bürgerliche Mittel-Zweck-Denken ist gegenüber seinen Zwecken neutral, es unterliegt gerade keiner Moralität, sofern ihm diese Moralität keinen Nutzen bringt. Und es bringt ihm eben keinen subjektiven Nutzen, aus der Immanenz herauszutreten und es sich mit der Gewalt des Staates anzulegen. Der „Gott des Nutzens“ von dem Baudelaire sprach, er macht ohne moralische Prämissen auch vor der „Vernichtung unwerten Lebens“, ja, der Selbstausrottung der Menschheit nicht Halt. Bei der Vernunftkritik der Kritischen Theorie handelt es sich also um keine ideale, philosophistische, abstrakte, sondern sie zielt direkt auf die Grundlagen des Kapitalismus und seinen höchst realen Schrecken ab.
Auch der Wahrheitsanspruch, den der GSP stets hochhält, wird von diesem Gott, den er selbst verehrt, alltäglich gewogen und für zu leicht befunden. Wahrheit und Nutzen müssen nicht identisch sein, ja, sie stehen in der bürgerlichen Gesellschaft geradezu in Antinomie zueinander. Der GSP tilgt diesen Widerspruch so, als wäre es selbstverständlich, dass Wahrheit und Nutzen immer Hand-in-Hand gehen oder reflektiert über diesen Widerspruch zumindest nicht. Doch was für einen Nutzen bringt mir die Existenz eines von Geburt an Behinderten? Keine, er verbraucht nur die Frucht meiner Arbeit und trägt dazu selbst nichts bei. Wieso sollte ich ihn vom Standpunkt des Nutzens aus nicht töten? Doch kann ein solcher Nutzen Wahrheit sein?
Ein weiterer Vorwurf, der der GSP der KT macht, ist ihr angeblicher Moralismus. Doch das ist falsch. Adorno und Horkheimer betonen selbst z.B. im Vorowrt der „Dialektik der Aufklärung“ klar, dass ihre Kulturkritik kein Selbstweck ist, sondern dass es ihm um nichts anderes als das Glück der Menschen geht, um dass sie durch den verschleiernden Charakter des kulturindustriellen Apparats eben gebracht werden.1 Hier wird deutlich, dass die binäre Logik des GSP gänzlich unfähig ist, die komplexe Dialektik kritischer Theorie auch nur annähernd zu erfassen: Adorno und Horkheimer sind gerade keine Reaktionäre, die sich ein illusorisches Zurück zu vormodernen Zuständen wünschen, sondern betreiben eine kritische Selbstreflexion des offensichtlich gescheiterten Modernisierungsprozesses. Ihnen geht es um die Verwirklichung der Aufklärung, die Anwendung der Potenzen des Fortschritts, gerade auch des technischen, für die Menschen. Adorno sagte in einem seiner Radiodiskussionen selbst, dass an der Wissenschaft an sich im Grunde nichts zu kritisieren sei – doch in dieser Gesellschaft dient sie nicht den Menschen, sondern der Aufrechterhaltung von Herrschaft.
Diesen Konnex erklären Adorno und Horkheimer damit, dass sich die technische Vernunft gleichzeitig mit der rationalisierten Herrschaft als Mittel der Menschen zur Naturbeherrschung herausbildete. Wer sich einmal mit den Anfängen der Rationalität im antiken Griechenland auseinandergesetzt hat, wird diesen Konnex kaum leugnen können: In einer Zeit, als die Menschen in einer existenziellen Angst vor den sich jeder Kontrolle, jeder Erklärung entziehenden Naturmächten lebten, war es ihre einzige Möglichkeit, sich dieser Angst zu entziehen die Einrichtung von Herrschaft und die Hypostase rationaler Gesetzmäßigkeiten, eines hinter diesen chaotisch wirkenden Mächten wirkenden Planes, den man mit Opfern und Gebeten beeinflussen konnte. Dieses Ziel hat die Menschheit heute erreicht: Angst brauchen die Menschen heute nicht mehr vor den Naturmächten, sondern vor jenen Institutionen zu haben, die um ihrer Selbst willen fortleben. Herrschaft dient also heute nicht mehr der Naturbeherrschung, sondern sich selbst (anders, als es der GSP Adorno und Horkheimer unterstellt). Der GSP führt dagegen an, dass die kapitalistische Herrschaft ja aus der Befriedigung materieller Interessen, nämlich der der Herrschenden, diene. Das ist nicht falsch, doch ist es genauso wenig falsch, diese Herrschaft abstrakt als Selbstweck zu begreifen. Denn die abstrakte Formel dieser Herrschaft lautet G-W-G’ und ist eine Selbstzweckbewegung, der sich auch die Herrschenden beugen müssen.

Seltsam mutet es an, wie der GSP auf Seite 17 der Broschüre zu dem Resultat kommt, die kritische Theorie würde den Versorgungsstaat kritisieren. Was ist falsch daran, den Versorgungsstaat als Mittel der Herrschenden zur Integration der Beherrschten zu entzaubern?

Der GSP kritisiert an der Antisemitismusanalyse der kritischen Theorie, dass sie dabei auf die Psyche der Antisemiten konzentriert und diesen nicht wie der GSP einfach aus einem bestimmten patriotischen Staatsprogramm ableitet (wobei mir die „Analyse“ des GSP an dieser Stelle so allgemein gehalten scheint, dass man fast den Eindruck haben könnte, er hielte Antisemitismus und Nationalismus für geradezu identisch, was ja auch wieder nicht ganz stimmen kann): Der Antisemitismus der Nazis war nämlich weitaus mehr als das politische Programm, auf das ihn der GSP reduzieren will, sondern eine geschlossene Weltanschauung, die nahezu alle Bereiche des Lebens als jüdisch infiltriert gesehen hat. Ihr Antisemitismus war nicht einfach das Resultat ihres Nationalismus und erst recht kein Ergebnis einer nüchternen Überlegung, nach der sich die Leute aus der Judenvernichtung einfach einen materiellen Nutzen erhofft hätten. Letzteres ist wohl nicht falsch, reicht jedoch zur Erklärung 1. nicht hin, da weiterhin offen bleibt, warum gerade die Juden erhalten mussten und 2. würde dies schon viel über das bürgerliche Nutzdenken, auf das sich auch der GSP bezieht, aussagen, dass selbst Menschenopfer in Kauf nimmt, wenn es ihm als Mittel zum Zweck, der letztere bekanntlich rechtfertigt, hinreicht. So ist der Hauptkritikpunkt des GSP an der deutschen Arbeiterschaft, die sich Hitler unterwarf, dann auch tatsächlich, dass sie sich damit letztendlich selbst geschadet hätte, das sich damit einen „sehr schädlichen Widerspruch“ (S.30) geleistet hätte. Natürlich stimmt das, aber reicht das aus? Wäre es für einen Communisten nicht erforderlich, ganz klar den Standpunkt der Opfer zu beziehen und nicht bloß den Tätern vorzuwerfen, sie hätten dumm gehandelt? Diese „Kritik“ funktioniert nämlich nur angesichts der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg. Hypothetisch wäre es ja durchaus möglich gewesen, dass Hitler mit seinem Staatsprogramm Erfolg gehabt und ein dauerhaftes, stabiles „4. Reich“ aufgebaut hätte. Wie könnte der GSP den Nationalsozialismus dann auch kritisieren, seiner Spezifik dann noch gerecht werden? Doch da der GSP prinzipiell den Standpunkt des eigenen Nutzens vertritt, ist es ihm gar nicht möglich, ja er kritisiert sogar, mit den Opfern Solidarität zu üben (wie z.B. in der Vortragsreihe Freiheit – Gleichheit – Solidarität).

Wie der Begriff vom Antisemitismus, so scheint mir auch der Begriff vom Rassismus, den der GSP hat, ein ziemlich beliebiger zu sein. Er wirft der KT vor, rassistisch zu sein, wenn sie darauf aufmerksam macht, dass sich die Verfasstheit der Gesellschaft über kurz oder lang auf das Wesen der in ihr wohnenden Menschen auswirkt und sie so stabilisierend wirkt. Unklar, bleibt, warum diese Grundthese materialsitischer Gesellschaftskritik falsch sein soll und ebenso unkklar, warum jetzt Rassismus überhaupt nicht mehr an die Hypostase von Rassen gebunden sein soll. Auch verwirft der GSP die Psychologie mit Argumenten, die er eigentlich auch gegen jede andere Denkweise, die den Schein vom Sein zu trennen versucht, vorbringen könnte, also auch gegen die marxistische Gesellschafts- und Ideologiekritik. Denn ist es nicht ebenso uneinsichtig, dass alle Dinge einen Wert, der ihnen durch Arbeit verliehen wurde, haben, wie die Annahme eines Unterbewussten, dass dem Ich zu Grunde liegen soll?

Ein Hauptmangel des GSP gegenüber der Kritischen Theorie erscheint mir dessen mangelnder bzw. nicht vorhandener Totalitätsbegriff zu sein. Für die KT stellt die kapitalistische Gesellschaft eine unentrinnbare Totalität, einen Immanenzzusammenhang dar, in dem alles bis in die kleinste Regung des Alltagslebens und die Psyche der Menschen der kapitalistischen Verwertungslogik unterworfen ist. Der GSP leugnet hingegen glatt, dass sich die Macht des Kapitals über alle, auch über die Herrschenden selbst, und auch noch über andere Lebensbereiche als nur den der Wirtschaft erstreckt. Er vermag es nur, die Produktionssphäre einer Kritik zu unterziehen, obwohl doch gerade auch die Konsumption in der kapitalistischen Gesellschaft hochgradig entfremdet und heteronom abläuft und nur ihrer Ideologie gemäß die Bedürfnisse der Konsumenten wirklich befriedigt. Dass die alltägliche Konfrontation der Menschen mit diesem unmenschlichen System dann auch deren Psyche verändern könnte, streitet der GSP gänzlich ab und unterstellt der KT, ihr Versuch, die Stabilität der kapitalistischen Gesellschaft bei gleichzeitiger evidenter Widersprüchlichkeit sei sogar affirmativ, da sich die autoritären Menschen ja ohnehin niemals zu einer Revolution bewegen würden. Das mag sein, doch sagt dass noch nichts über den Wahrheitsgehalt der Theorien der KT aus. Vielleicht ist es wirklich so, dass eine Revolution aufgrund der psychischen Verfassung der Menschen unmöglich geworden ist. Doch der GSP könnte das niemals zugeben, da sonst alle GSPler ja konsequenterweise Kapitalisten werden müssten.

Trotz dieser strengen Beschränkung der Kritik auf die Produktionssphäre und dem immer wiederkehrenden Vorwurf gegen die kritische Theorie, in ihrer Kritik viel zu abstrakt zu sein, ist das Grundverständnis vom Kapitalismus erst recht nichts als simplifizierende Gleichmacherei: qualitativ unterscheidbare Formen bürgerlicher Herrschaft, sowohl geographisch als auch zeitlich gemeint, gibt es für ihn nicht, für ihn gibt es nur den Staat und die Interessen der Herrschenden. So kritisieren sie denn auch die Differenzierung des Kapitalismus in verschiedene Phasen, die die KT vornimmt. Aus meiner Sicht wird diese Reduktion dem Gegenstand in keiner Weise gerecht: der Kapitalismus in den USA funktioniert halt anders als der in Europa oder China und wenn man die Spezifika jener Gebiete verstehen will, muss man die Unterschiede und nicht die Gemeinsamkeiten betonen. Das heißt natürlich nicht, dass es verschiedene „Kapitalismen“ gäbe, aber gerade, wenn es um den Nationalsozialismus geht, wird diese Reduktion nahezu verheerend.

Zu guter letzt möchte ich noch die Ansichten des GSP über Adornos Kunstkritik näher untersuchen. Zunächst einmal mangelt es dem GSP an einer rationalen Vorstellung der Totalität, weshalb es für ihn einen Zusammenhang zwischen Qualität der künstlerischen Produkte und der sonstigen Gesellschaftsordnung gar nicht geben kann. Eigentlich ist seine Sicht von Kunst, wie auch von Wissenschaft, ziemlich ahistorisch, gerade so, als gäbe es keinen wirklichen Unterschied zwischen Höhlenmalerei und den Gemälden Picassos außer der veränderten Technik. Sie betrachten in höchst bürgerlicher Manier Kunst und Wissenschaft als ewig gültige Sphären und Kunst nur als Spielerei, die außer dem Spaß an der Freude keinen weiteren Inhalt hat (damit ist er allerdings wieder nicht bürgerlich, da der Kapitalismus von der Kunst ja tatsächlich verlangt, Aussagen zu transportieren und so als Kommunikationsmedium zu fungieren). Davon, dass die zum marktwirtschaftlich organisierten Betrieb gewordene Kunst eine höchst affirmative Funktion eingenommen hat, die es unbedingt zu kritisieren und der es eine autonome Kunst als Ausdruck des verbliebenen Bewusstseins der Möglichkeit einer Befreiung entgegenzusetzen gilt, will der GSP nichts wissen. Dabei war Adorno selbst im Grunde einer der radikalsten Kritiker von Kunst und hat immer wieder auf die Beschränktheit ihrer Autonomie in einem immer enger werdenden Gesellschaftsnetz hingewiesen. Und er hat im Kulturindustriekapitel der „Dialektik der Aufklärung“ gerade auch deutlich gemacht, dass die Produkte der Kulturindustrie eben gerade nicht darauf angelegt sind, die spontanen Bedürfnisse der Konsumenten zu befriedigen, sondern dass sie in den kulturindustriellen Produkten eine Scheinwelt vorgesetzt bekommen, die ihnen nichts weiter als eine verklärte Kopie dessen, was sie alltäglich im Kapitalismus erleben, vorsetzt. Sie bietet ein zweifelhaftes Vergnügen, dass die Massen unfähig macht, noch etwas anderes als dieses Vergnügen, das immer auf Kosten der realen Opfer geht, zu empfinden. Werke wie die Stücke Schönbergs hingegen sind kreativer, autonomer Ausdruck der fortschrittlichsten menschlichen Bildungsfähigkeiten. Worum es Adorno eigentlich geht, dass beschreibt er in dem Aufsatz „Engagement“ aus den „Noten zur Literatur“, aus dem auch der GSP zitiert, sehr klar: „Ihr (gemeint sind die modernen avantgardistischen Kunstwerke) Unausweichliches nötigt zu jener Änderung der Verhaltensweise, welche die engagierten Kunstwerke bloß verlangen. Wen einmal Kafkas Räder überführen, dem ist der Friede mit der Welt ebenso verloren wie die Möglichkeit, bei dem Urteil sich zu bescheiden, der Weltlauf sei schlecht: das bestätigende Moment ist weggeätzt, das der resignierten Feststellung von der Übermacht der Bösen innewohnt.“

  1. „Es geht nicht um die Kultur als Wert, wie die Kritiker der Zivilisation, Huxley, Jaspers, Ortega y Gasset und andere, im Sinn haben, sondern die Aufklärung muß sich auf sich selbst besinnen, wenn die Menschen nicht vollends verraten werden sollen. Nicht um die Konverierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun. […] Unter den gegebenen Verhätnissen werden die Glücksgüter selbst zu Elementen des Unglücks. [zurück]