Das antikapitalistische Archiv

9. Januar 2006

Matrix Reloaded+Revolutions – eine Apologie

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Ich denke, Matrix gehört zu den beeindruckendsten und auch wichtigsten Filmen, die jemals gedreht wurden. Als ich Matrix zum ersten Mal gesehen habe, dass war vor mehr als 5 Jahren, als ich noch so um die 12 war und die DVD-Technologie noch neu, hat mir der Film nicht gefallen, zugegebebermaßen. Ich hatte ihn einfach nicht verstanden, Matrix, selbst Teil 1, ist ein Film, den man verstehen muss. Meine Begeisterung für die gesamte Trilogie kam erst später.

Ich schreibe „selbst Teil 1″, weil dieser erste Teil, gewissermaßen der Epilog für „Reloaded“ und „Revolutions“, sicher auf einem intellektuell und spirituell niedrigerem Niveau spielt. Es gibt hier gute, die freien Menschen, dort böse, die Maschinen, und mittendrin die normalen Menschen, die am Erhalt des Systems beteiligt sind und die es zu retten gilt. Es gibt nur eine Hoffnung für diese Rettung und die ist der Auserwählte, der einer kleinen Gruppe von Dissidenten unter der Führung von Morpheus vom Orakel prophezeit wurde. Am Ende fliegt er wie Superman in die Luft und es gibt Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. In gewisser Weise ist der Film sicher in sich abgeschlossen, doch gewichtige Fragen bleiben offen, v.a. ob es denn Neo wirklich gelingt, die Menschheit zu befreien. Und überhaupt die Hintergründe: wie sieht Zion überhaupt aus? was hat es mit dem Orakel auf sich? wie geht die Beziehung zwischen Neo und Trinity überhaupt weiter? was ist der Sinn, was ist denn bitteschön der Sinn des Ganzen?

Matrix I, „The Matrix“, ist ein Epilog, die Macher von Matrix, die Wachowsky-Brüder planten das von Anfang an. Ohne die II und III macht I keinen Sinn, aber anscheinend geht es den meisten Fans von Matrix I überhaupt nicht darum. Es an der Zeit ist, nervigen Aussagen alla „Der Einser war gut, aber der Zweier und Dreier ist doch nur Kommerzkack“ einmal offensiv entgegenzutreten. Dass es soviele Leute gibt, die Matrix reloaded und Revolution nicht checken beweist vielmehr, dass es sich bei diesen beiden Filmen gerade nicht um „Kommerzkack“ handelt, sondern um Filme mit einem anspruchsvollen Hintergrund, wie er bei Actionfilmen nur selten anzutreffen ist. Nicht nur die Actionszenen in Matrix I-III sind es wert, genauer betrachtet zu werden, sondern auch die philosophischen Aussagen, die dahinter stecken. Diese sind komplex, ich maße mir auch nicht an, die Trilogie zu 100% zu begreifen. Ich habe auf jeden Fall diese „Apologie“ geschrieben, um einmal anhand eines, sicher nicht ausreichenden, Interpretationsversuchs aufzuzeigen versuchen, warum ich denn Matrix Reloaded und Revolutions „trotz alledem“ toll finde. Zunächst mal ein kurzer Handlungsabriss:

Bereits zu Beginn von Matrix Reloaded werden die 3 Kernprobleme der ganzen Filmhandlung aufgedeckt: die Beziehung zwischen Neo und Trinity mit Neo mit Neos beängstigendem Traum, der den Zuschauer von Anfang an in Spannung versetzt, die Rettung des bedrohten Zions und der Konflikt Neo-Smith, der im Grunde der Hauptkonflikt des Films ist. Auf diesen drei Ebenen spielt der ganze Film, genauso wie Matrix Revolutions. In Verlauf von Matrix Reloaded erhält das ganze Matrix-Universum erst Charakter, es erhält Farbe und wird diffenzierter: es gibt nicht mehr diese strikte Trennung von Gut und Böse, wie sie noch für Matrix I typisch war. Endlich weiß man wie Zion aussieht und warum es schützenswert ist, es ist nämlich tatsächlich eine befreite Gesellschaft, in der Menschen unabhängig von Geschlecht, Hauptfarbe etc. frei und glücklich leben können, soweit das im Krieg gegen die Maschinen möglich ist. Der Architekt verrät die Grundlagen, auf der die gesamte Matrix basiert, alle Hauptfiguren erhalten ein viel plastischeres Gesicht: Neo zweifelt bis zum Ende noch immer daran, ob er auch wirklich der Auserwählte ist, Trinity kann auch empfindlich und eifersüchtig sein, sogar Morpheus kennt Gefühle wie Liebe. Ganz allgemein ist Liebe, Liebe nicht im trivialen, sondern im „höheren“ Sinne, auch das große Thema des ganzen Streifens: Neo und Trinity sind kein stereotypes Hollywoodhappyendpaar mehr, sondern zwei in inniger, heißer Liebe entflammte Seelenverwandte, die zu sich gefunden haben und bei aller Pathetik sogar so konkrete Dinge wie Sex praktizieren.

Sympathisch ist auch der Umgang der beiden mit dem offensichtlichen Personenkult, der um Neo betrieben wird. Die Pilger vor Neos Wohnung verehren ihn als Auerwählten, obwohl er selbst zweifelt, ob er das wirklich ist, trotzdem erkennt er, dass diese Menschen Hoffnung aus diesem Glauben schöpfen und enttäuscht sie nicht. Das Geheimnis von Glauben ist ja, dass er absolut subjektiv ist, zugleich aber ganz objektive Auswirkungen auf die eigene aber auch die „auswärtige“ Realität hat. Viele „Materialisten“ oder selbsternannte Atheisten übersehen das und finden den Film deswegen kritikabel, weil er religiös wäre. Religiös ist er aber nicht. Er ist sicher spirituell, aber nicht religiös. Der Zuschauer weiß immer: Neo ist nicht der Auserwählte, er wird es nur. Neo ist ein normaler Mensch.

Am Ende des zweiten Teils beginnt er, teilweise Maschine zu werden. Nur so ist zu erklären, dass er selbst Macht über Maschinen bekommt und als Programm im „Bahnhof“ überlebt, anstatt zu sterben. Die Handlung des dritten Teils, Revolutions, orientiert sich dann zweifellos teilweise an christlichen Elementen: Trinity, was ja ohnehin „Dreieinigkeit“ bedeutet, geht mit dem Wächter des Orakel und Morpheus in die Hölle, um Neo auszulösen, ihn von den Toten auferstehen zu erlassen. Dass dies eine klare Anspielung an den christlichen Auferstehungsmythos ist, keine Frage, auch wenn der Kontext natürlich ein völlig anderer ist.
In Matrix geht es schließlich um die Rettung des Lebens*, sowohl des maschinellen als auch des menschlichen. Die Menschen können ohne die Maschinen nicht leben, das geht schon aus den Worten des Senators zu Beginn des zweiten Teils deutlich hervor. Die Maschinen jedoch ohne Menschen auch nicht, weshalb der flache systemkritische Aspekt des ersten Teils sehr relativiert werden muss. Doch er weicht einer weitaus tieferen Sicht der Dinge: die bisherige Logik der Welt schadet Menschen und Maschinen zugleich, sie gilt zu überwinden, nicht diesen sinnlosen, destruktiven Konflikt ohne Aussicht auf ein Ende weiterzuführen. Das Dilemma der Maschinen: Agent Smith droht als wildgewordenes Computervirus die Matrix und damit die Energiequelle der Maschinen zu zerstören und nur Neo kann ihn aufhalten. Der Showdown kann beginnen.

An dem Konflikt Neo-Smith kann man sehr gut die Hauptaussage der Trilogie aufzeigen: im Grunde wollen beide das gleiche, nämlich den Krieg beenden, doch Smith steht für den Tod, den Nihilismus, Neo steht für das Leben, das fraglos positive. Neo ist ein Zweifler, dies ist eins seiner Hauptcharakteristika. Auch er könnte in seinem Zweifel zu dem Ergebnis kommen, dass das Leben wertlos ist und alles der Zerstörung überlassen. Bereits im ersten Teil wird diese Problematik angedeutet, wenn es um die Wahl zwischen „unechtem“ Hedonismus und idealistischer „Askese“ ** in der realen Welt geht. Doch er tut es nicht, weil er Glauben, Liebe und Hoffnung hat und den Zweifel, der ihm in Verbund mit diesen drei Dingen dahin führt, sich allen ihm vorgesetzten Entscheidungen, die er nicht treffen will, zu verweigern und seinen eigenen Weg zu gehen. Dies ist die Konzeption von Freiheit, die in dem Film durchschimmert: Freiheit als Freiheit, sich über sein Schicksal zu erheben und nicht in den gelenkten Bahnen zu gehen. Damit wird der Film sogar höchst buddhistisch: der Buddha lehrt zwar das Gesetz von Ursache und Wirkung, Karma, doch er versucht aufzuzeigen, das dieses Gesetz durchbrochen werden und so Freiheit erreicht werden kann. Diese Aussage ist zwar nicht politisch, aber philosophisch essentiell. Und wenn man bedenkt, dass der Film ein Science-Fiction-Film ist und eben eine fiktive Welt beschreibt, macht sie doppelt sind: denn in einer programmierten Welt gibt es tatsächlich keine Willensfreiheit, eines der größten Paradoxe, die der 1. Teil nicht auflöst. Am Ende gelingt es jedoch doch.

Dies ist nur ein grober Abriss des philosophisch-spirituellen Aspekts der Matrix-Triologie, das Audiokommentar der DVD, gesprochen von zwei amerikanischen Philosophen, eröffnet sogar noch ganz andere Aspekte. Die Fragen des Films sind: was ist Freiheit? was ist Macht? wie stehen Liebe und Schicksal in Verbindung dazu? auch wenn der Film sicher nicht alle dieser Probleme lösen kann (wie auch?), so ist er doch auch bisschen Nachdenkens wert, auch wenn sich Neo am Ende selber opfert und das irgendwie religiös wirken könnte. Klar, in einer Zeit, in der Apathie und Desillusionierung systemimmanente Grundbestandteile einer jeden Konsumtenseele sind, kommen solche Botschaften natürlich nicht gut an. Denn wie heißt des nicht so treffend in Teil I: „Die Matrix kann ihnen nicht sagen, wer sie sind.“

Fazit: Mal wieder Matrix gucken, und diesmal alle drei Teile und „erleuchtet“ werden.

antikapl

* Letztendlich geht es ja in der Bibel, soviel ich weiß, auch darum, aber eben aus einer völlig anderen Sichtweise. Evtl, wenn man die Vorgeschichte des Films, festgehalten im Zeichentrickprojekt „Animatrix“, kennt, nämlich dass die Menschen den Krieg gegen die Maschinen begonnen haben, könnte man Neo vielleicht sogar wirklich als „Erlöser von der Erbsünde“ sehen. Dadurch, dass er sich selbst opfert, macht er die gegenüber den Maschinen begangene Scheiße wieder gut und beendet so den Krieg. Aber da müsste man echt mal einen Theologen fragen…
** Diese Perspektive, die aus dem ersten Teil sicher hervorgeht, wird in Matrx Reloaded natürlich wenn nicht relativiert, so doch spezifiziert: Zion ist kein freudloser Ort, wo die Leute den ganzen Tag Eiweißbrei essen, sondern doch lebenswert, denn dort herrscht eins, was es in der Matrix nicht gibt: Liebe, diesmal auf die gesamte Gesellschaft bezogen.

P.S.: Ich stelle in dieser Apologie keinesfalls säntliche Interpretationsmöglichkeiten des Films dar sondern beschränke mich auf einige Aspekte. Das Verhältnis Maschinen-Mensch z.B. ist bei genauerer Betrachtung evtl. komplizierter als oben beschrieben: zwar sind beide Seiten gegenseitig aufeinander angewiesen, doch ist Zion ja laut Architekt nur ein weiterer Unterdrückungsmechanismus zum Erhalt des Systems, die Bewohner Zions beuten also zwar ihrerseits auch Maschinen aus, doch haben auch sie eine herrschaftsreproduzierende Funktion, weshalb man auch noch Matrix Reloaded+Revolutions durchaus herrschaftskritisch sehen kann: Am Ende beendet Neo den ewigen Kreislauf (buddhistisch: Samsara) aus „Geburt und Tod“ neuer Matrix-Unterdrückungssysteme, imdem er sich auch hier der reproduzierenden Logik widersetzt. Die Menschen von Zion können fortan wirklich frei sein. Frei und glücklich in Frieden.