Das antikapitalistische Archiv

31. Oktober 2006

Communismus und Liebeskummer

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Eigentlich ist Liebeskummer ja etwas furchtbar communistisches: die Befriedigung all seiner Bedürfnisse schwebt einem Tag für Tag vor den Augen rum und aus irgendwelchen, allesamt irrationalen Gründen geht sie nie in Erfüllung. Es ist, rein gefühlsmäßig, ganz anders, als es sein müsste, wenn es richtig laufen sollte.
Und, mal ganz ehrlich: sind wir nicht, subjektiv, alle wegen Liebeskummer Communisten geworden?
Communismus ist für mich sowieso definiert als eine Gesellschaft, in der es keinen Liebeskummer mehr geben wird, also bei mir ist der Fall ohnehin klar. Sei es, weil er ohnehin ein Teil der bürgerlichen Besitzstandsideologie im Bereich der romantischen Zweierbeziehungen ist, sei es, weil dann einfach jeder mit jedem und so weiter. Kommt ja aufs gleiche raus, nur eben von zwei verschiedenen Seiten betrachtet.

16. Oktober 2006

Communismus, schallalala!

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Inspiriert von einigen coolen Leuten in meinem Umfeld, unter anderem diesem communistischen Webblog, habe ich mich entschieden, meine Schreibweise der Metapher für die Utopie auch zu verändern. Es ist einfach eine Technik der Entfremdung, die den Leser stutzig macht und aufzeigt: hey, dem hier geht es nicht um irgendeinen Schrott von gestern, der will jetzt Revolution machen. Auch ethymologisch spricht für den Communismus viel: schließlich wird das lateinische Adjektiv „communismus“ (gemeinsam, zusammen), vom dem er sich ableitet, auch mit C geschrieben, und auch Marx schrieb das Wort noch gerne mit C, auch wenn das „Manifest“ schon kommunistisch war.
Ich bin keineswegs der Ansicht, dass man Communismus Communismus schreiben muss, sondern ich halte das einfach für einen netten Gag, gewissermaßen ein kleines Detail am Rande. Ob es der Sache nach Unterschiede zwischen Communismus und Kommunismus gibt, wage ich zu bezweifeln.

antikapl

P.S: Noch eine kurze Antwort auf dieses Kommentar:


Hallo,
die erste Praemisse des Buddhismus ist nicht, dass Leben Leiden sei, sondern dass Leiden im realen Leben existiert! Ein haarfeiner – aber bedeutender Unterschied! Dieses Missverstaendnis hat dem Buddhismus oft den Ruf einer pessimistischen Religion / Philosophie eingebracht. Ich kann auch keine “Diesseitsverneinung” des Buddhismus nachvollziehen – es geht ja gerade darum, im Diesseits bewusster zu leben! Ich empfinde den Buddhismus, besonders das Zen, als sehr erd- und lebensnah. Aber es stimmt gewiss, dass alle Probleme, auch die gesellschaftlichen, zunaechst auf individueller Basis angegangen werden. Aber ist dies kritikwuerdig? Es ist eine Kernaussage besonders der mahayana-buddhistischen Philosophien, dass wirkliche Befreiung von Leiden nur moeglich ist, wenn man nicht fuer das eigene Wohl, sondern fuer das Wohle aller Lebewesen arbeitet. Diese Arbeit muss man jedoch bei sich selbst beginnen – um ueberhaupt in der Lage zu sein, sich fuer das Wohl aller zu engagieren.

Das ist auch wieder richtig. Ich sage ja nicht, dass man nicht versuchen soll, im berühmten „Hier und Jetzt“ möglichst glücklich zu sein. Ich empfehle das sogar ausdrücklich und finde es im Grunde furchtbar doof nur, weil man Communist ist zu meinen, man hätte die Verpflichtung besonders unglücklich sein zu müssen, auch wenn ich selber manchmal zu dieser verqueren Geisteshaltung neige. Das Unglück kommt schon von allein, man sollte es sich nicht herbeidenken, auch wenn es sicher immer Grund genug gibt, depressiv zu sein. Es ist eben die Frage, in wie weit es möglich ist, in dieser Welt, in dieser Gesellschaft, dauerhaft glücklich zu sein und in wie weit meine Probleme einfach nicht von mir selbst kontemplativ lösbar sind. Wenn ich daran leide, dass meine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, sagt der Zen doch eher, dass ich mich von diesen Bedürfnissen lösen soll, was aber nur eine Rationalisierung dessen ist, was ich faktisch ohnehin täglich tun muss, wenn ich etwas haben will, was ich mir nicht leisten kann. Oder wenn ich eine schöne Frau oder einen attraktiven Jungen sehe, aber keine Ahnung habe, wie ich mich am besten an sie oder ihn ranmachen soll. Das Ziel: eine Gesellschaft, in der niemand mehr seine Bedürfnisse verleugnen muss, gerät dadurch aber völlig aus dem Blickfeld.
Befreiung ist für mich im Übrigen ein Akt, den wenn dann überhaupt jeder für sich selbst machen muss, und wäre Befreiung der Bedürfnisse und nicht Befreiung von ihnen. Als kollektiven Akt zur Auflösung jedweder Kollektivität vollzogen wäre jene Befreiung Communismus. (Dies ist übrigens eine weitere systematische Schwäche des Zenbuddhismus: die kollektive Seite der Befreiung, die zwischenmenschliche Kommunikation, spielt bei ihm überhaupt keine Rolle. In der Meditation soll sich jeder um seiner Befreiung willen in sich selbst zurückziehen.)

3. September 2006

4 Wochen Sonnenschein

Es gibt fuer mich nichts Schoeners, als zu verreisen. Na gut, ein paar Sachen gibts schon, aber sicher nichts Schoeneres, als einfach mal relativ alleine eine Grossstadt zu erkunden. Diesen Sommer war ich in Los Angeles, und um nicht zu sehr in Wehmut darin zu versinken, dass die Gegenwart von einst die Vergangenheit von heute ist, mache ich einfach die Vergangenheit zur Gegenwart und bericht euch ein bisschen von den Erfahrungen, die ich in L.A. gemacht habe. Obwohl es ja eigentlich doch so ist, wie Adorno sinngemaess im Kulturindustriekapitel der Dialektik der Aufklaerung (sein Wohnhaus in L.A. habe ich uebrigens leider vergeblich gesucht), naemlich dass man woandershin reist, um nur immer wieder das Immergleiche zu finden, war es wirklich toll fuer mich, die vielgelobten und -kritisierten USA einfach mal persoenlich kennenzulernen. Doch ich kann euch gleich beruhigen, der Spruch gilt auch fuer diese Reise (man muss heutzutage glaube ich schon zu Buechern greifen, um das ganz Andere wirklich kennenlernen zu koennen).

hier gehts zum Artikel

P.S.: Entschuldigt die Schreibweise, ich habe gerade ein kleiner Problem mit meiner Tastatur.

17. Juni 2006

Adorno – Eine Rezension

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Das Titelbild der Biographie, ein Porträtphoto Adornos.

So, ich habe jetzt eine Rezension zu dieser wirklich überragenden Biographie fertiggestellt, die ihr hier lesen könnt. Sie beinhaltet die meiner Meinung nach wichtigsten Besonderheiten und Vorzüge dieser Biographie, die sie vor anderen sicherlich besitzt, und dazu noch ein paar Informationen über Adorno selbst, die ich wissenswert fand.

3. Juni 2006

Atonaler Elektro

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Ich hab in letzter Zeit, etwas angenervt von der ständigen Bastelei an harmonischen Elektrostücken, mal das glatte Gegenteil probiert: 2 ziemlich coole Stücke, die auf 12-Tonreihen basieren und zugleich Elemente des üblichen Elektropop integrieren. Aber ich will nicht zu viel drumherumlabern, hört sie euch einfach an.
Der Link zum Download:

http://rapidshare.de/files/22119083/atonalelektro.rar.html

P.S: Würde mich freuen, ein bisschen Feedback zu den Stücken erhalten, schließlich will ich wissen, ob es sich lohnt, in dieser Richtung weiterzuarbeiten (eine weitere 12-Tonreihe hab ich schon ausgearbeitet (-; )

1. Mai 2006

Zu Kritik am Zenbuddhismus

Dr. Kollosos hinterließ zu diesem Artikel über Zenbuddhismus folgendes Kommentar:

Ohne sich jemals eingehend und fundiert mit Buddhismus beschäftigt zu haben, erlaube ich mir jetzt trotzdem eine kleine kritik zu üben: Soweit ich weiß ist eine der Prämissen des Buddhismus, dass leben leiden sei! Ausgehend hiervon, bauen Buddhisten ihr gesamtes Religionsgebäude auf, welches darin kulminiert, den Kreislauf des Lebens zu durchbrechen! (ich hoffe das stimmt zumindest teilweise) Hier setzt nun meine Kritik an: Ist es nicht gerade eine solche dieseitsverneinung, die einen zutiefst passiven Kern trägt, der jegliche eigenmächtige Umgestaltung des Hier und Jetzt ideologisch angreift! Wäre es nicht sinnvoller, wenn schon von der Leben-ist-leiden-prämisse ausgegangen wird, sich einen Nietzsche zum Vorbild nehmen, der dagegen sagt: Ja, lebt!
Ach übrigens: Ist nicht das an worten klammern richtig? Sich Begrifflichkeiten auszuarbeiten um vernünftig der Welt näher zu kommen, was ist schlecht daran!?


Mein „Gegenkommentar“ zu diesem Kommentar werde ich auch dazu nutzen, um für mich eine aktualisierte Version meiner Position zum Zenbuddhismus zu artikulieren, was sicher Not tut. Schließlich ist es unmöglich, einer mehr als 2000 Jahre alten Philosophie noch heute unbedingte Gültigkeit zuzuprechen, was ja auch, Selbstverständnis der deutschen buddhistischen Union (DBU) hin oder her, weder hier im Westen noch in Asien von BuddhistInnen gemacht wird, weil niemand weder in der Lage noch willens ist, zu Gunsten eines strengbuddhistischen Lebens die kapitalistische Totalität zu durchbrechen.
Ich meine, das gerade für den Zenbuddhismus schon spricht, das er, auf jeden Fall, wie er im Westen rezipiert wird, schon recht diesseitsbezogen ist. Es geht eigentlich nicht darum, auf eine bessere Wiedergeburt hinzuarbeiten sondern das Ziel ist schon, im Diesseits einen möglichst hohen Verwirklichungsgrad zu erreichen (inwiefern das orthodox ist, sei an dieser Stelle mal dahingestellt).
Auch, dass das Leben Leiden ist, ist ja, erst Recht in der kapitalistischen Realität, keine unbedingt falsche Aussage. Es ist doch blanker Hohn den von Herrschaftsverhätnissen unterdrückten Menschen zuzurufen „Ja, lebt!“, weil gerade diese Herrschaftsverhältnisse doch ein wirklich glücliches Leben gerade unmöglich machen. Zumindest müsste man von dieser „nietzianischen“ Perspektive aus schon eine Kritik entwicklen, bzw. würde einen das Festhalten am nietzianischen Ideal im Idealfall automatisch kritisch machen, wenn man feststellt, dass das Ausleben dieses Ideals in der jetzigen Realität völlig unmöglich ist (das kann ich aus meiner individuellen Erfahrung aus auch nur bestätigen).
Ich finde am Zenbuddhismus auch kritikabel, das er das Leiden individuell und nicht gesellschaftlich aufzuheben versucht. Es ist komplett falsch und antiemanzipatorisch, die Lösungen für gesellschaftliche Probleme zuerst bei sich selbst zu suchen. Das mag dem Einzelnen zwar teilweise helfen, mit der Gesellschaft temporär zurechtzukommen, hilft aber letztendlich nur, die gesellschaftlichen Zustände, die die Probleme des Einzelnen erst verursachen, immer wieder zu reproduzieren. Für diesen ständigen Reproduktionsvorgang finde ich die buddhistische Metapher vom „Kreislauf des Leidens“, der durchbrochen werde muss, sogar recht passend. Nur der Modus, wie dieser Durchbruch stattfinden soll, gefällt mir eben nicht.
Marx und Buddha ähneln sich meines Erachtens in vielen Punkten sogar. Beiden gings ja darum, die Ursachen für Leiden zu finden und daraus abzuleiten, wie eine Aufhebung des Leidens möglich ist. Und beide scheinen mir vor demselben Widerspruch zu stehen: beide halten das Leiden für durch einen bestimmten Mechanismus determiniert, und zwar in einer Art und Weise, der einen Ausbruch aus diesem Mechanismus im Grunde zu einem unlösbaren Paradox macht. Das meint: bei Buddha gehört Leiden zum Leben dazu und reproduziert sich als „Karma“ immer wieder. Trotzdem ist es im Leben möglich, sich von diesem Leiden zu befreien.
Bei Marx gehört Leiden zum Kapitalismus und ist nur lösbar, wenn sich die Menschen gegen den Kapitalismus auflehnen. Für den Materialisten Marx ist aber das Denken der Menschen stets geprägt von den gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie leben („das Sein bestimmt das Bewusstsein“). Wieso sollten sich also Menschen, deren Denken von der kapitalistischen Struktur geprägt ist, gerade gegen diese auflehnen und zu einer gänzlich anderen Welt führen, nämlich zum Gegenteil des Bestehenden?

Zum letzten Absatz des Kommentars: du sagst ja schon selber, das sich Begrifflichkeiten der Realität nur annähern. Das Ziel der Aufklärung ist natürlich, das sich irgendwann die Begrifflichkeiten der Realität bis ins kleinste Detail annähern, aber die Frage ist hier natürlich, ob dieses Ziel nicht im höchsten Maße hybrid und totalitär ist, da es eine unbewiesene Prämisse ist, das die Welt tatsächlich auf so vernünftigen Gesetzmäßigkeiten beruht, wie die Wissenschaft behauptet. Oder anders gesagt: in gewisser Weise macht die Wissenschaft ja erst vernünftig, vorher war sie das nicht.
Okay, das war jetzt ein bisschen an „Dialektik der Aufklärung“ orientiert, aber trifft das Thema glaube ich schon: man muss sich einfach den irrationalen Kern des Daseins anerkennen und sich über den Grenzen der Vernunft im Klaren sein, die Begriffe also nicht mit der Realität verwechseln.

11. April 2006

Antworten zu Homosexualitätskommentaren-Part II

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Ich finde es super, dass zu meinem Text über Homophobie eine solch angeregte Diskussion entstanden ist und möchte diese nun fortsetzen.
Zunächst möchte ich auf das Kommentar von Schorsch eingehen, der übrigens auch einen sehr guten Blog hat:

Mit seiner ersten Frage hat er natürlich Recht: wenn niemand ein Interesse am Fortbestand der Menschheit hat, ergo keine Kinder in die Welt setzen will, dann ist das eben so, ein kategorischer Imperativ zur Arterhaltung ist also wenig sinnvoll (einen solchen wollte ich auch garnicht implizieren).

Warum reagiert das bürgerliche Individuum in Krisenzeiten mit totaler Ablehung auf alles “Andersartige”?

Dies ist eine sehr berechtigte Frage. Ich denke, zunächst muss man da die Empirie sprechen lassen, die diesen Sachverhalt ja recht einleuchtend belegt: im Osten Deutschlands ist z.B. die Ausländerfeindlichkeit recht hoch im Vergleich zum wohlhabenderen Westen, obwohl dort paradoxerweise gerade besonders wenige Menschen migrantischen Hintergrunds leben. Dies lässt sich schon damit erklären, dass Xenophobie nichts ist, was einen wie auch immer gearteten rationalen Kern hat, sondern dass es da einfach mal um die generelle, wahnhafte Ablehung allem Fremden gegenüber geht, die mit der realen Existenz von Fremden überhaupt nichts zu tun hat. Genauso ist Intoleranz gegenüber „Unnormalen“ (sei es Homosexualität, sei es einfach nur ein besonderer Kleidungsstil) allgemein gerade bei ärmeren bürgerlichen Individuen besonders weit verbreitet*. Diese befinden sich ja tatsächlich in einer persönlichen Krise und empfinden in dieser alles Andersartige, alles, was von der Norm, die sie selbst verinnerlicht haben, als Bedrohung. Diese Bedrohung ist wohl letztlich nichts anderes als ein Reflex auf die wohl eher unbewusst empfundene Enttäuschung, dass man trotz der Abtötung seiner eigenen Triebe zum Anderen, selbst in der Konkurrenz gescheitert ist. Dieses Scheitern ist ja das genaue Gegenteil des völlig überhöhten, unreflektierten, Selbstbewusstsein, dass das Warensubjekt im allgemeinen so von sich hat, was aber in Wahrheit auf nichts anderem als einer latenten Ich-Schwäche beruht.
Nach außen projeziert ist das dann also der Grund für die „totale Ablehnung alles Andersartigen“, die ja gerade von Adorno immer wieder hervorgehoben wird, wenn er über die Psyche des Bürgers schreibt (aus dem Aphorismus „Tough Boy“: „Während das Subjekt zu Grunde geht, negiert es alles, was nicht seiner eigenen Art ist.“ In Krisenzeiten geht das Subjekt freilich um so mehr zu Grunde, da der Druck auf die Einzelnen immer mehr wächst). Ich gebe allerdings zu, dass ich da selbst nicht so 100% firm bin.

Zur von dir geforderten Kritik der Geschlechtereinteilung: auch ich kenne mich da nur marginal aus, halte es aber natürlich prinzipiell schon für notwendig, wenn man über Heterosexismus (das Pendant zu Homophobie) redet, auch über die binäre Geschlechtermatrix zu reden, in die die bürgerliche Gesellschaft jedes ihrer Glieder reinpresst. In nichtbürgerlichen Gesellschaften waren die Grenzen zwischen den Geschlechtern ja tatsächlich oft wesentlich fließender als heute, so galt im antiken Griechenland der Hermaphrodit als Schönheitsideal und auch viele Darstellungen des Mittelalters zeichen sich ja durch eine offensichtliche Geschlechtslosigkeit der dargestellten Menschen aus. Aber viel mehr will ich dazu wirklich nicht schreiben, ich kann da nur auf die vielfältigen Aussagen von lysis zu dem Thema Geschlecht und Kapitalismus (und speziell auch Homophobie) verweisen.


Wie bekommst du so viele Referer über Google ?

Das geht ganz automatisch: Google erfasst sämtliche Websites von alleine. Wenn jemand einen Suchbegriff eingibt, der auch in einem meiner Texte drinsteht, dann zeigt Google ihm/ihr meine Seite an. Da zu meinem Blog anscheinend viele Links existieren (über andere blogs und das kf wahrscheinlich), erscheint meine Site dann auch entsprechend weit oben.

So, jetzt zu Lipshit:

Zunächst einmal werde auch ich auf den Begriff „Aberation“ eingehen. Du definierst ihn als „Abweichung von der natur-intendierten Norm/Form ohne zunächst unbedingt eine negative Auswirkung für das Individuum bzw. die Gesellschaft zu haben“. Den Unterschied zur Krankheit machst an den negativen Auswirkungen fest, die eine Krankheit im Gegensatz zur Aberation hat.
Nun ist natürlich die Frage, ob eine Aberation in einer bestimmten Gesellschaft nicht bereits automatisch festgelegt ist und durch alles, was den in dieser Gesellschaft gültigen Normen entgegengesetzt ist. Aberationen sind also stets historisch determiniert und können sich verändern, das hat mit „Natur-intendiert“ doch überhaupt nichts zu tun.
Was soll überhaupt das Unterscheidungskriterium zwischen „Natur-intendiert“ und nicht „Natur-intendiert“ sein? Dieser Ausdruck ist zudem schon an sich recht paradox, da er die Natur als handelndes Subjekt auffasst. Das ist sie aber nicht, der Mensch ist das Subjekt und letztendlich ist „natürlich“ stets nur das synonym für „gesellschaftskonform“.
Damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt:
du affirmierst doch letztendlich nur die herrschenden Zustände, wenn du auf diesem bürgerlichen Naturbegriff beharrst, der eben in Wahrheit etwas völlig anderes ausdrückt. Du bewertest normabweichende Sexualität so implizit danach, ob sie der Norm entspricht oder nicht und beziehst dich so positiv auf die bürgerliche Werteordnung. Homosexualität war nämlich zu anderen Zeiten, in anderen Gesellschaftskonstellationen etwas völlig normales, wie z.B. auf dem Wikipediaeintrag zu dem Thema recht gut dargelegt ist.

Im nächsten Punkt widersprichst du dir dann, finde ich selbst: du bringst selber Beispiele für widernatürliches Verhalten in der Natur schlechthin, nämlich der Tierwelt und zudem, dass Sex dem Menschen (von Natur aus) Spaß macht. Von der Natur scheint also überhaupt nicht vorgesehen zu sein, dass Sex und Spaß getrennt sein müssen und Sex immer mit Fortpflanzung verbunden sein muss.

Zum 4. Punkt geb ich dir erstmal Recht, will aber auch was einhaken: die bürgerliche Gesellschaft ist nicht nur der Grund für „psychische Aberationen“, sondern setzt auch noch gewaltsam fest, was Aberation ist und was nicht. Heutzutage gilt z.B: Fettleibigkeit doch ziemlich als Aberation, ja, als Krankheit. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war an Fettleibigkeit überhaupt nichts krankhaftes (du hast ja selbst das Beispiel mit dem Schönheitsideal gebracht). Natürlich kann man argumentieren, dass beleibte Menschen tatsächlich früher sterben und mehr gesundheitliche Probleme haben als „normal figurierte“ (obwohl man auch nicht zu dünn sein sollte), doch erst in der bürgerlichen Gesellschaft gilt „Gesundheit“ überhaupt als herausragender Wert. In der frühen Neuzeit hat man noch ohne Gewissensbisse geraucht, und dabei war es durchaus schon bekannt, dass Rauchen sehr schädlich für die Gesundheit ist. Man hat eben Gesundheit als nicht so wichtig erachtet. Und tatsächlich hat der moderne Gesundheitswahn ziemlich erschreckende Züge angenommen, er hat sich in eine gesellschaftliche Krankheit verwandelt.

Im 5. Punkt werden unsere Widersprüche denke ich am deutlichsten: du schreibst

Nun, warum möchte ich denn, dass Homosexualität als psychische Aberration definiert ist? Wenn man nun Homosexualität als total lustig darstellt oder diese sogar als normal und gut definiert, so findet nicht nur eine Ummünzung der Realität statt, nein sondern die Menschheit untergräbt die Präferenz, die ihr eigenes Überleben sichert.

Da war das Argument von Schorsch sehr treffend: das Überleben der Menschheit ist doch ein Ziel, das nur Bedeutung hat, wenn die Menschheit überleben will. Will sie das aus irgendwelchen Gründen nicht mehr (was sicher sehr fiktiv und auch nicht wünschenswert ist), dann ist das ihre freie Entscheidung. Denn ich möchte nochmal meine sicht über den Menschen betonen: ich halte den Menschen für ein Wesen, das, im Gegensatz zu Tieren, bis zu einem gewissen Grad über seinen Trieben steht, über sie reflektieren kann.
Wenn der Mensch wesentlich determiniert ist, dann würde ich auch eher die Gesellschaft als Hauptquelle dieser Determinierung nennen und nicht die Triebe, die ja doch etwas recht abstraktes sind. Letztendlich entscheidet man ja nicht selber, ob meinen einen Trieb sublimieren soll oder nicht, sondern die Gesellschaft entscheidet für einen, indem sie diesen Trieb als krankhaft oder als normal ansieht. Emanzipatorisch wäre freilich eine Gesellschaft, in der es überhaupt keine Mechanismen mehr gibt, die eine solche Trennung zementieren, in der jeder Mensch so anerkannt wird, wie er ist. Dann passt sich nämlich nicht mehr der Mensch der Gesellschaft an, sondern die Gesellschaft dem Menschen.

* an dieser Stelle muss ich selbst verbessern: letztendlich befinden sich bürgerliche Individuen in einem Zustand, der sie permanent beschädigt, egal ob sie in der Konkurrenz temporär besser oder schlechter dastehen. Einen empirischen Zusammenhang zwischen reaktionären Ideologien und niedrigem sozialen Status kann man zwar an manchen wenigen Stellen erkennen, generell lässt sich daraus aber nichts folgern.
In mancher Beziehung sind ärmere Menschen sogar offener für andersartiges als spießige KleinbürgerInnen.

1. April 2006

Neue Kategorien

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Kategorienbildung ist nicht immer was schlechtes – ich habe jetzt sämtliche Beiträge, die ich jemals in meinem Blog veröffentlichte, in neue, auf den Inhalt bezogene, Kategorien eingeordnet. Einfach am Rand die Kategorie anwählen, und schon werden die zu diesem Thema passenden Artikel angezeigt.

Viel Spaß beim Suchen, Lesen und Kommentieren wünscht euch

Euer antikapl

Das Kommentar von Lipshit – eine Abrechung mit dem Normalen

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Ich freue mich über das viele Feedback, was ich in der letzten Zeit zu meinem Blog bekommen habe, was sich auch durch die vielen User, die über google hierher kommen, bemerkbar macht. Darauf bin ich schon ein wenig stolz.
Weniger glücklich machen mich allerdings Kommentare wie dieser zu meinem Beitrag „Humanismus und Homosexualität“ vom User „lipshit“ (interessanter Name übrigens ;) ). Auf dieses gibt es nur eines für mich: eine entschieden kritische Reaktion. Eine kommunistische Welt muss eine Welt ohne Homophobie und Antihomosexualität in jeder Erscheinungsweise sein, deswegen lohnt es sich, hier auch in jeder Erscheinungsform entgegenzutreten.
Das Kommentar von lipshit scheint mit stellvertretend für viele in dieser Gesellschaft latente (Vor-?)Urteile gegen Homosexuelle zu sein, deswegen will ich die Antwort auch so ausführlich wie möglich halten.

Oh ja, ich liebe es einfach immer wieder ansehen zu müssen, wenn alles und jeder im Namen der Linken tolleriert, normalisiert und zu einer homogenen Masse gleichgeschaltet wird.

Der erste Satz ist schon mal recht vielsagend: da wird schon mal eine kritische Haltung zur Toleranz aufgebaut, die sogar einen gewissen Wahrheitskern enthält. Nur leider beziehe ich mich nirgends auf die repressive Toleranz, die auch bei Linken so häufig anzutreffen ist: lipshit überträgt einfach nur seine Standardvorurteile gegen alle Linken, die ja sooo homogen sind, auf mich. Ich hingegen habe nur negative Kritik an humanistischer Homophobie geübt, nicht mehr und nicht weniger, ich habe nie gesagt, dass ich für Toleranz gegenüber Homosexuellen bin: ich bin für Akzeptanz von Homosexuellen, vielmehr sogar der Auflösung der Kategorie „homosexuell“, die ja bereits der Kern bürgerlicher Repressivität ist.


Und du hast es wieder einmal in gekonnter Weise geschafft, ohne selbst über die Thematik differenziert nachzudenken, dich der Meinung der breiten Masse anzuschliessen.

Dass ich die Meinung der breiten Masse vertrete, halte ich für Humbug, mal ganz davon abgesehen, dass das in keinster Weise ein Argument für oder gegen etwas ist. Die breite Masse ist homophob, das bestätigen vielfache Umfragen. Sie sehen, wie lipshit, Homosexualität als Krankheit an, ihre Toleranz ist die Toleranz, die man einem psychisch Kranken gegenüber an den Tag legt, nicht einem Gesunden.


Aber vorweg, um dir den Wind aus den Segeln zu nehmen möchte ich festhalten, dass ich persönlich homosexuelle Menschen kenne, diese sehr schätze und denke dass ohne diese Menschen der Gesellschaft teilweise gute Menschen verloren gehen würden.

Na toll, was soll jetzt dieser Satz aussagen? Es gibt sogar Nazis, die Türken in ihrem Freundeskreis haben. Na und? Macht das ihre Einstellung nicht sogar noch widerwärtiger?
Und dass der Gesellschaft teilweise gute Menschen verloren gehen wegen der latenten Homophobie mag zwar richtig sein, ist aber kein sehr guter Standpunkt: er denkt nämlich vom Wohlergehen der Gesellschaft und nicht des Einzelnen aus. Dieser Standpunkt ist im höchsten Maße als nationalistisch zu bezeichnen und ist positive Diskriminierung, weiter nichts.

Die Argumentation, die im Punkt 1 folgt, ist dann biologistisch bis zum geht nicht mehr: wenigstens scheint lipshit erkannt zu haben, dass heutzutage, Verhütung sei dank, auch bei Heterosexuellen das Kind in 99% der Fällen nicht mehr der Zweck des Geschlechtverkehrs ist. Dies ist auch kein Novum in der Geschichte, sondern hat eine lange Tradition. Nicht umsonst wird Prostitution gerne als das „älteste Gewerbe der Welt“ bezeichnet. Und Prostitution und Kinderkriegen sind ja wohl eindeutig ziemliche Widersprüche. Historisch neu ist vielmehr die Verachtung nicht-fortpflanzungsbezogenen Sex’, die setzte tatsächlich erst mit der Moderne ein.
Genau genommen ist das ganze Biologiezeug ja auch gar kein Argument: den Menschen unterscheidet doch vom Tier gerade, dass er sich auch „widernatürlich“ verhalten kann. Es ist demnach also ziemlich menschlich, Sex als Vergnügen und nicht als Zeugungsakt zu sehen, es hat fast etwas emanzipatives an sich.

Im 2. Absatz spricht sich lipshit dann immerhin für „gleiches Recht für alle“, also auch für Homosexuelle aus. Das wars aber schon mit der Freundlichkeit, wenn man sich diesen Absatz anschaut:

Wenn natürlich Homosexuelle, also Menschen mit einer psychischen Aberration diese Rechte vollkommen zurecht kriegen, so zieht das natürlich auch mit sich, dass andere Menschen mit einer psychischen Aberration (Schizophrene, Suchtkranke, Autisten etc.) sofern sie keine Gefahr für die Allgemeinheit bzw. sich selbst darstellen die gleichen Rechte besitzen. (und hier harpert es schonwieder; es werden nämlich Menschen teilweise gegen ihren Willen therapiert; und ich weiß wovon ich spreche, da es in meinem Umfeld mehrere solcher Fälle gab/gibt).

Das Homosexuelle „Menschen mit einer psychischen Aberation“ sind, ist schon mal völliger Humbug: okay, ihre Sozialisation lief wohl anders ab als bei Heterosexuellen, vielleicht haben sie ja tatsächlich andere Gene (was ich mal stark bezweifeln würde, bisher wurde zumindest trotz intensiver Bemühungen seitens der Genetik kein solches Gen gefunden), das ist aber noch kein Kriterium für eine „Aberation“, auch Heterosexualität wird ja schließlich erst in der Phase der Sozialisation entwickelt. Aber das ist eben der bürgerliche Krankheitsbegriff, nachdem ja mittlerweile ohnehin so gut wie jede/r irgendwie „krank“ ist, sei es, dass er/sie sich einfach nicht an die repressive Ordnung in der Schule anpassen kann/will (Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom), mit dem alltäglichen Stress nicht so gut fertig wird wie andere und daran verzweifelt (Depression) oder sich unbewusst „unnormale“ Mittel sucht, diesem Stress auszuweichen (Neurosen verschiedenster Art).


3.persönliche Meinung des Kritikübenden: Nun, da du ja kritisierst, dass jemand den heterosexuelle Geschlechtsverkehr vorzieht. So muss ich dir doch sagen, dass es jedem freigestellt ist so zu denken und es auch völlig “normal” (in diesem Fall muss ich dieses Wort leider benutzen) sein sollte so zu denken, da es im Menschen und in der Natur so tief verwurzelt ist und wir ohne diese Präferenz unser eigenes Fortbestehen infragestellen würden.

Hier liegt wohl wieder ein Missverständnis vor. Ich kritisiere nirgends, dass Menschen den heterosexuellen Geschlechtsverkehr vorziehen, ich kritisiere nur, wenn sie diese persönliche Entscheidung zum für alle Menschen gültigen Ideal ummünzen wollen, wie der Referent im betreffenden Vortrag tat. Das hat auch nichts mit der Erhaltung der Menschheit zu tun: klar, wenn niemand mehr Kinder in die Welt setzen würde, hätte die Menschheit ein Problem, das sie lösen müsste. Ganz davon abgesehen, dass dieser Fall wohl ziemlich unwahrscheinlich ist, gibt es da ja mittlerweile auch medizinische Möglichkeiten, ohne Sex Kinder zu kriegen, etwas mittels künstlicher Befruchtung. Und es gibt ja sogar schon Versuche, Embryos Männern einzupflanzen, wenn diese auch in den Kinderschuhen stecken.

Nun zum letzten Absatz des Kommentars von lipshit:

Ich streite eigentlich nur um die Definition der Homosexualität.

Ich frage mich nur, woher der Drang kommt, Homosexualität unbedingt zur Krankheit definieren zu wollen. Schon allein der Versuch, Homosexualität zu definieren, beinhaltet dies jedoch: eine solche Definition von Homosexuellen grenzt diese zwingend von den Nicht-Homosexuellen ab. Wie oben bereits erwähnt ist dies bereits der Grundfehler bürgerlicher Denkmuster. (natürlich kann man auch Homosexualität simpel als „Liebe zwischen zwei Leuten gleichen Geschlechts“ definieren, was aber ebenso affirmativ ist, da mit dieser Definition das binäre bürgerliche Geschlechterdenken kritiklos anerkannt wird)

Denn die Ummünzung von Wahrheit, die in der Öffentlichkeit und im besonderen in den Medien stattfindet, ist sowas von unglaublich, dass ich mir nur noch an den Kopf fassen muss.

„Unglaublich“ finde ich an dieser „Ummünzung von Wahrheit“ nur, wie kritiklos sie von den Homosexuellen hingenommen wird: der bürgerliche Diskurs weist ihnen nämlich lächerliche Charaktermasken zu, die die Diskriminierung nur verschärfen, anstatt sie abzumildern.

Vorallem sollten die Homosexuellen mal darüber nachdenken, warum sie denn immer mehr Akzeptanz vorfinden und, ob ihre Emanzipation nicht vielmehr einem Erschließen neuer Absatzmärkte durch die kapitalistische Wirtschaft gleichkommt.

Von der Erklärung mit „Absatzmärkten“ halte ich nicht so viel, aber einen Wahrheitskern enthält dieser Satz schon. Natürlich ist der Homosexuellendiskurs der bürgerlichen Welt heute nicht wesentlich besser als der vor 30 Jahren, der Unterschied ist nur, dass Homosexuelle heute die Stereotypen, die ihnen zugewiesen werden, selber noch bereitwillig annehmen.

Denn eins ist klar, in der Bevölkerung ist die Akzeptanz garantiert nicht so groß (nicht unbedingt gut aber verständlich), wie in den Massenmedien dargestellt wird.

Ebenfalls richtig: gerade in Zeiten von Wirtschaftskrisen reagiert das bürgerliche Individuum vor allem mit einem auf den steigenden Druck, der auf es wirkt: totalitäre Ablehung alles „Andersartigen“ bis hin zur Auslöschung dessen. Sieht man derzeit sehr schön in ärmeren Ländern wie Polen.

Fazit: Wie man sieht ist Homosexualität weder krankhaft noch minderwertig noch sonst irgendwas, sondern einfach nur eine Form von Liebe. Der Inhalt dieser Form ist derselbe wie bei allen anderen Formen von Liebe, nur die gesellschaftliche Bewertung ist anders.

18. März 2006

Humanismus und Homosexualität

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Ich habe neulich einen Vortrag eines pensionierten Lehrer an meiner Schule gehört. Einem Altphilologen, einem „Platon-Fan“, wie er sich selbst bezeichnet, einem Humanisten.
Er referierte zum Thema Bildung, hat sogar ziemlich viel richtiges gesagt: dass Bildung an der Schule nicht den Interessen der Schüler, sondern nur den Interessen des Staates dient (bzw. angesichts der Wirtschaftskrise in verstärktem Maße dient), obwohl doch das ursprüngliche Ideal der Bildung, das der Humanisten, das Glück des Menschen zum Ziel hatte. Vieles von dem, was der Referent gesagt hatte, klang sogar auffällig nach Adorno.
Es ist natürlich sinnlos in der heutigen Gesellschaft ein Ideal anzumahnen, dass im alten Griechenlnad von Leuten formuliert wurde, die selber weder arbeiten noch Not leiden mussten, aber es hat, vielleicht gerade wegen seines utopischen Charakters weitergedacht auch etwas revolutionäres. Zumindest zwischen den Zeilen.

Nun beruft sich der Humanist aber stets auf ein Ideal, dass er vom Menschen hat. Es geht ihm zwar um das Glück des Menschen, doch er weiß genau, wie dieses Glück auszusehen, wie es zu erreichen ist. Mag dieses Ideal auch noch so gut, noch so redlich und vernünftig sein: es hat immer den Beigeschmack des Willkürlichen, der Ideologie.

Auch die Nationalsozialisten waren, abstrahiert vom Inhalt ihres Ideals, Idealisten im wahrsten Sinne des Wortes, auch sie hatten ein Ideal vom Menschen. Was dem nicht entsprach, musste verändert, notfalls vernichtet werden. Diese Ideologie passt zu einem System, in dem die Rationalisierung der Welt mit der Verwandlung der Menschen in Verwertungsobjekte Hand in Hand geht.

Dieser menschenverachtende Grundcharakter des idealistischen Humanismus wurde bei dem Referenten spätestens dann deutlich, als seine Rede, gewissermaßen als Exkurs, auf das Thema Homosexualität fiel. Die entspricht natürlich nicht seinem Ideal, ist mit der heterosexuellen Liebe nicht zu vergleichen, ist daher minderwertig. An diesem Punkt des Vortrags wollte ich am liebsten einfach den Saal verlassen und rausgehen, doch das wäre einer Kapitulation gleichgekommen, ich wollte wenigstens noch eine kritische Anfrage am Schluss stellen. Ich fragte, warum Homosexualität denn minderwertig sei. Die Antwort war ungefähr „homosexuelle Menschen sind ja nicht minderwertig, sie sind Opfer und verdienen daher Mitleid. Es würde aber niemand, wenn er die freie Wahl hätte, freiwillig die homosexuelle Liebe der heterosexuellen vorziehen und deshalb ist letztere besser“. Toll, welch Hammerargumentation: in einer Welt, in der Humanisten weitgehend unkritisiert schwulenfeindliche Ressetiments pflegen dürfen, würde natürlich niemand homosexuell sein wollen. In einer pariarchalen Gesellschaft würde auch niemand, hätte er die Wahl, Frau werden wollen, sind Frauen deshalb minderwertig?
Meinem folgenden Argument, dass z.B. Platon nie einen Unterschied zwischen homosexueller und heterosexueller Liebe gemacht hatte, und sogar erstere gegenüber letzter in gewisser Weise aufwertete (als höchste Form der Liebe sah er ohnehin die „Liebe zwischen Seelen“, nicht die zwischen Körpern an), trat er dann ganz geschickt entgegen: „Ich bin zwar Platon-Fan, aber das heißt nicht, dass ich seine Irrtümer nicht erkenne.“ Na dann, Prost Mahlzeit: gute Sachen von Platon werden unter den Tisch gekehrt, viel dummes Geschwafel der antiken Philosophen zur Begründung eines überhistorischen Ideals herangezogen.

Fazit: ein für mich nicht sehr angenehmer Abend, zumindest hat er mir die Augen geöffnet, dass es noch ein langer Weg ist, bis Schwule, Lesben und sonstige „Unnormale“ ein menschenwürdiges Leben führen können. Und gerade in gebildeten Kreisen scheint solch homophober Humbug besonders kultiviert zu sein.




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