Das antikapitalistische Archiv

11. November 2005

Tocotronic

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This boy is Tocotronic – Versuch einer Charakteristik

This boy is Tocotronic – Versuch einer Charakteristik

This boy is Tocotronic, er ist empfindlich, um nicht sensibel zu sagen und sieht die Welt anders, als sie die meisten Menschen, Menschen, Menschen, Menschen, sie sehn. Er ist wütend und unfähig, dieser Wut Taten Folgen zu lassen, sieht man mal von der Arroganz ab, mit der er all jene behandelt, die sein Weltbild nicht zu teilen bereit sind. Diese Arroganz, sein Hass, Stolz und Willen, sind allerdings nicht immer spürbar. Manchmal, an Tagen wie diesem, sind die abgemildert, weil die Sonne scheint und das dunkle Königreich nicht mehr aufzuhalten sein wird. Aber wird sind hier nicht in Seattle, dies kommt nur äußerst selten vor und ist eher Ausnahme als Regel, denn in einer Freundschaft wie dieser geht es nicht um Glück, Rom wurde nicht an einem Tage erbaut und es sind eben die seltensten Tage, die Küsse im Sonnenschein mit sich bringen.
Tocotronic ist Musik für solche, die raus und stolz darauf sind, für unglückliche Exzentriker, oder solche, die es werden wollen, für (Hi) Freaks und Bürgerskinder, die sich einfach nicht mehr alles, was sie uns erzählen wollen, hinzunehmen bereit sind.
Michael Ende, nur du bist schuld daran!
Nein, Michael Ende war sicher nicht der Autor, der mich wesentlich geprägt hat, doch trägt der sicher auch eine gewisse Mitverantwortung. Auf jeden Fall gilt nicht: Digital ist besser, denn der Computer ist stets nur Mittel zum Zweck, Bücher sind im Grunde Selbstzweck, sollten es zumindest sein (was schreib ich hier für einen Stuss, wie viel Uhr ist eigentlich?). Eins steht fest: dass „sie“ eine Seele haben, das kann mir, seit ich Hesse las und zum ersten Mal Liebeskummer hatte nun wirklich niemand mehr erzählen, und wenn er auch noch so wollen würde. Aber wollte ich hier nicht eigentlich in der 3. Person schreiben, um meinen Hass zu stillen, wollte ich nicht eine fast schon soziologisch angehauchte Charakteristik statt einer subjektiv-dekadenten, hoffnungslos egozentrischen Selbstbeschreibung verfassen? Nun, ich bin wohl nicht fähig dazu, zumindest jetzt, am Tag der Toten nicht. Aber genau das ist Tocotronic ja auch: subjektiv, dekadent (eine Bewegung gegen den Fleiß!), hoffnungslos egozentrisch und selbstbetrachterisch. Genau wie ich, glaube ich zumindest, ohne mein Leben unnötig dramatisieren zu wollen. Es ist schon schlimm genug, dass mich alle auslachen, wenn ich sage, dass ich die 3-4 aus Hamburg, von dem die Gitarrenhändler behaupten, es rocke, gut finde, nein, da muss ich wahrlich nichts mehr dramatisieren. (Heul, heul, schnief, schnief, für mein Selbstmitleid haben sie keine Zeit.)

Okay, was ist nun das Ergebnis, der springende Punkt, der Beweis meiner Erzählung, das Resümee? Kann man bei Tocotronic überhaupt zu einem Ergebnis kommen? Oder sind ihre Texte, ist ihre Musik endlos, endlos und tiefste Tiefen tief wie das Leben? Kann man schreiben, worüber man nicht reden kann? Ich könnte niemals über Tocotronic reden, zumindest nicht tiefgründig genug. Ich könnte nicht mal nachts wie die Tiere über sie flüstern, dass es schallt…
Doch Tocotronic ist ja auch schweigsam, ja, es ist jetzt, es ist Musik für Schweigsame, Musik, die ins Herz geht, da, wo nur noch Wut, Hass, Liebe und die ganzen anderen Gefühle darauf warten, in Worte gefasst zu werden. Doch Worte werden sie niemals fassen können, niemals in ihrer Gänze. Alles in allem und alles für mich ist Tocotronic die zweitbeste Band der Welt nach der Besten (oder eben die drittbeste nach den beiden besten, keine Ahnung), ihr Konzert in Ulm war einfach nur noch krass, auch wenn es jetzt auch schon einen guten Monat her ist. In höchsten Höhen bin ich gewesen, in tiefste Tiefen und zurück, auf einem „Narrenschiff“ wie Dirk von Lowtzow in seiner liebenswerten Art verkündete, einem Narrenschiff, das über den 8.Ozean steuert, ungeschützt.

Ein hoch auf Antideutschrock, ein hoch auf Tocotronic, mein Prinz!