Das antikapitalistische Archiv

25. Oktober 2005

Was ist Kapitalismus?

Abgelegt unter:

Was meint man, wenn man von „Kapitalismus“ spricht?

- eine Worterklärung als Einführung in Marx -

Das schiere Entsetzen vieler bildungsbürgerlicher Blätter und Medien wie Spiegel oder Zeit über die Kapitalismuskritik des Franz Müntefering (La Plage berichtete), die Gründung und den Erfolg der neuen Linkspartei unter Gysi und Lafontaine als Reaktion auf die Neoliberalisierung[1] der deutschen Politik, und der daraus resultierenden Kapitalismus- debatte zeigt, das Kapitalismus in unserer relativ unpolitischen Zeit ein Reizwort wie kein anderes ist. Doch woher kommt das? Was meint Kapitalismus eigentlich? Darüber soll es, so kurz und knapp wie möglich, in diesem Artikel gehen. Alle Wörter, die mit -ismus enden, meinen, das etwas stark bestimmend wirkt, v.a. in politischer oder weltanschaulicher Hinsicht. Liberalismus meint so eine politische Bewegung, in der die Freiheit das Hauptziel (von lat. liberare), liberal indes meint nur, dass jemand freiheitlich gesinnt, also z.B. frei von Vorurteilen ist, ein liberaler Mensch muss also noch lange kein Anhänger des Liberalismus sein. Ähnlich ist es mit sozial und Sozialismus oder Egoismus. Im Kapitalismus muss daher das Kapital im Vordergrund stehen, und tatsächlich: in unserer heutigen Gesellschaft, in Deutschland, auch an unserer Schule, dreht sich alles ums Erwirtschaften von Kapital, der Kapitalbesitz wird zum gesellschaftlichen Fetisch[2] , wie der Besitz von Feudalrechten im Feudalismus.
Das Kapital ist nur in zweiter Linie das ökonomische Hauptwerk von Karl Marx (siehe Kurzbiographie am Rand), sondern in erster Linie das, was ungefähr seit dem 18.Jahrhundert bis heute die wichtigste Grundlage wirtschaftlichen Handelns darstellt: den Besitz an so genannten Produktionsmitteln, also v.a. Fabriken, Zins bringendem Geld oder Aktien. Kapital ist (oft in Geldform ausgedrückter) Wert, der sich gewissermaßen selbst verwertet, selbst vermehrt, besser gesagt sich aber von Arbeitern vermehren lässt, und zwar zu einem möglichst geringen Lohn, damit etwa eine Fabrik einen möglichst hohen Ertrag erzielt. Oder, nach Marxscher Darstellungsweise: Kapitalbesitzer, nennt man sie nun Arbeitgeber, Unternehmer oder Aktionäre, beschäftigen Arbeiter, die in bestimmter Zeit eine bestimmte Warenmenge produzieren, die durch die reingesteckte Arbeit einen bestimmten Wert bekommt[3]. Die Differenz zwischen diesem, durch die Arbeit erst erzeugtem Wert und dem tatsächlichen Lohn, umgerechnet auf die einzelnen Waren, nennt Marx Mehrwert[4]. Da dieser möglichst hoch sein soll, ist der Kapitalbesitzer stets darauf bedacht, die Arbeiter eine möglichst kurze Zeitspanne Waren zur Reproduktion ihres eigenen Lohns, und möglichst lange Zeit für ihn arbeiten zu lassen, sei es durch Niedrighaltung des Lohns, am besten gerade auf dem Existenzminimum, wie es im Niedriglohnbereich auch in Deutschland der Fall ist, oder durch Verlängerung der Arbeitszeit, wie man an der aktuellen Politik der deutschen Unternehmerverbände sehr gut erkennen kann. Ein weiteres Mittel ist die Verdichtung des Produktionsprozesses: produziert der Unternehmer mehr Waren von der gleichen Qualität in kürzerer Zeit als sein Konkurrent, kann er sie mit höherem Mehrwert auf den Markt bringen, so ist das Fließband eine der effektivsten[5] Arten der Produktion, da der Arbeiter seine Arbeitsgeschwindigkeit nicht individuell bestimmen kann, sondern vom Tempo des Fließbands bestimmt wird. Die fortschreitende Mechanisierung, also der verstärkte Maschineneinsatz in, der Produktion ist also ein dem Kapitalismus innewohnendes Gesetz und kein Zufall, wie oft behauptet wird, alle Konsequenzen für Mensch und Umwelt mit eingeschlossen. Da der Kapitalismus eben ein -ismus ist, und bei ihm daher die Profitmaximierung alleiniges gesellschaftliches Leitmotiv ist, führt dies zu mancherlei schönen Konsequenzen, die, wie ja schon oben bei Mechanisierung erwähnt, keine Zufälle, Ausnahmen oder Wunder sind, sondern deren Ausbleiben eher als Ausnahme etc. zu bezeichnen ist. So z.B. die durch Mechanisierung, und nicht durch Abwanderung oder gar Ausländer hauptverursachte Massenarbeitslosigkeit (Maschinen arbeiten halt günstiger als Menschen, auch wenn sie keinen Wert im eigentlichen Sinne schaffen), Zerstörung der Umwelt durch die hemmungs- und hirnlose Vereinnahmung der natürlichen Ressourcen von Kapitalinteressen, Hunger und erbärmliche Armut in der 3. Welt, obwohl wir theoretisch mindestens doppelt so viele Menschen wie aktuell ernähern könnten[6], etc. pp. Diese Liste könnte schier endlos fortgesetzt werden, ich möchte es aber erstmal dabei belassen. Eure Wirtschaft-, Sozial- oder ErdkundelehrerInnen? werden all diese Dinge nicht leugnen, doch jeweils nur als einzelne, von den anderen völlig losgelöste Punkte darstellen, isoliert vom Gesamtphänomen Kapitalismus, die Tatsachen völlig ignorierend. Schon allein das Wort Kapitalismus selbst wird an der Schule so gut wie nie verwendet, höchstens, wenn von den erbärmlichen gesellschaftlichen Zuständen im 19. Jahrhundert die Rede ist. Kapitalismus sei eine Formel eines längst vergangenen Zeitalters und ein Wort, das nur noch linke Spinner in den Mund nehmen. Und überhaupt: Wir seien doch gar keine Gesellschaft, in der alle nur noch Kapital streben, wir leben ja angeblich längst nicht mehr im Kapitalismus, sondern, sind Länder wie die USA gemeint, in der freien, wir hingegen leben sogar in der sozialen Marktwirtschaft. Nicht vergessen sollte man hierbei, dass es sich bei dem Wirtschaftssystem des Ostblocks auch um eine Marktwirtschaft handelte, nur eben um eine sozialistische, ein Markt existierte durchaus, genauso wie auch Pläne bei uns das wirtschaftliche Handeln wesentlich bestimmen, nur eben keine zentral vorgegebenen wie z.B. in der DDR. Auch gehört capitalism in der englischsprachigen Welt durchaus zur politischen Alltagssprache, genauso wie etwa in Frankreich. Bei uns hingegen ist das K-Wort fast ein Tabu, wie ich selbst u.a. feststellen musste, als ich in Geschichte die NATO als Bündnis kapitalistischer Staaten bezeichnete, was sie ja durchaus war und ist, und anschließend darum gebeten wurde, doch solche ideologiegefärbten Ausdrücke zu vermeiden. Wir sprechen in Bezug auf die NATO lieber von westlich oder demokratisch. Die Verwendung des K-Worts als Lehrerschocker kann also durchaus interessant sein. Und apropos sozial und frei: diese Phrasen sind nichts als Euphemismen[7], denkt man einmal in globalen statt nationalen Zusammenhängen, was einem in der Schule so gut wie nicht beigebracht wird. Wie kann eine Marktwirtschaft sozial sein, wenn sie auf weit verbreiteter Kinderarbeit in großen Teilen der Welt aufbaut, wie frei, wenn Kindern unterer Schichten in Deutschland durch Studiengebühren und frühe Auslese, jedweder Aufstieg in sozial höhere Schichten verbaut wird, ganz zu Schweigen von der Tatsache, dass der Zugang zum Markt eigentlich geradezu das Gegenteil von frei ist: welche/r NormalbürgerIn? kann bitte schön unter fairen Bedingungen auch nur in die Einzelhandelnsbranche einsteigen, wer sich den Bau einer Automobilfabrik leisten? Wie freiheitlich ist überhaupt die Entscheidung, am Markt überhaupt teilzunehmen oder nicht, oder werden in Deutschland etwa keine staatlichen Repressionen gegen Aussteiger wie Punks, Bettler oder auch nur arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger ausgeübt? Gibt es in unserer Gesellschaft überhaupt adäquate Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt ohne Teilnahme am kapitalistischen System, also auch als Lohnempfänger, zu bestreiten? (Rückverweis: dies ist eben der Inhalt des Fetisch). Sozial wäre die Marktwirtschaft, wenn große Konzerne ihre Produktionsanlagen nicht einfach 500km weiter nach Tschechien, wo der Durchschnittslohn in Prag, noch mit Abstand die reichste Regionen des Landes, 500Euro pro Monat[8] beträgt, verlegen könnten, und von dort noch weiter östlich, bis die Arbeiter z.B. in Weißrussland von ihrem Lohn wirklich nichts mehr als die Grundversorgung bezahlen können, frei wäre sie, wenn afrikanische Baumwollproduzenten in der Lage wären, ihre Produkte zu mehr als dem Selbstkostenpreis zu verkaufen, weil die USA ihren Baumwollmarkt mit hohen Subventionen quasi abschirmen. Sozial steht im Kapitalismus eben doch stets mit national in Verbindung , frei bedeutet eben doch nur, frei von Entwicklungsmöglichkeiten zu sein, sofern man zu nicht privilegierten Schichten gehört. Zusammenfassend gesagt: wir sind alle Teil einer kapitalistischen Gesellschaft, die anstatt von Menschlichkeit von permanenter Profitmaximierung geprägt ist. Alle 4 Sekunden verhungert ein Kind in Afrika, wir alle leiden unter Zukunftsangst und Anpassungszwang, der primär vom Kapital, und nicht vom Staat ausgeübt wird, auch wenn diese Kräfte natürlich Hand in Hand zusammenarbeiten, es ist ja weder ein Zufall, das unser Schuldirektor CSU-Mitglied, noch das so gut wie alle führenden PolitikerInnen? in irgendwelchen Industrieaufsichtsräten sitzen. Es ist, wie ja in der letzen Ausgabe der La Plage bereits deutlich ausgeführt, Scheinkritik, das moralische Fehlverhalten einzelner zur Ursache für das Leid aller zu machen, wie es ja auch Teil der Naziideologie ist und war, sondern klar zu erkennen das jeder von uns mehr oder weniger tief in das System der Ausbeutung und Unterdrückung verstrickt ist, das dieses System im ganzen der Fehler ist und es nicht nur einzelne Fehlerchen hat, die Vater Staat mit ein paar Steuersenkungen hier, ein bisschen Polizeigewalt da, korrigieren kann. Wie kann ein System in irgendeiner Weise gut sein, dass seit seiner Etablierung im 18. Jahrhundert so viele Millionen Menschenleben gekostet hat und kostet, wie das unsere. Braucht es denn viel mehr als den Hinweis der Verstrickung der deutschen Industrie in die Verbrechen des NS-Staats, um den Mythos vom guten Unternehmer zu widerlegen? Ist es ein Wunder, auch wenn es angesichts der vielen Toten auf der ganzen Welt, zynisch klingen mag, dass in der Bevölkerung der islamischen Welt die Akzeptanz des Terrors gegen uns, gegen ihre AusbeuterInnen?, so groß ist, wo wir doch alle, gerade auch wir importabhängige Deutsche, von möglichst niedrigen Ölpreisen profitieren, und damit auch vom Irakkrieg? Die ganze Sache auf den Punkt bringt meines Erachtens eine Szene aus der wohl allseits bekannten amerikanischen Fernsehserie Sex and the city: die 4 Frauen sitzen in einem nicht näher erkennbaren Raum und diskutieren über die aktuelle Lage unserer Gesellschaft. Aber wir haben doch schon längst keinen Kapitalismus mehr, meint eine von ihnen. Wer wird in unserer Gesellschaft denn bitte schön noch ausgebeutet? Unwillkürlich schauen alle vier nach unten, der Zuschauer erkennt jetzt den ganzen Rauem, in dem sie sitzen und die Pointe: die ganze Diskussion fand in einem Massagestudio statt, während sich die vier New Yorkerinnen von asiatischen Immigrantinnen die Füße massieren ließen! Deutlicher kann man ja wohl nicht darstellen, was Kapitalismus heute ist. Lasst euch die Argumente dieses Artikels mal durch den Kopf gehen, eine bessere Welt mit einer anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als der unsrigen erscheint mir und vielen anderen nötig und möglich. Ich möchte hier für die bereits radikalisierten LeserInnen? betonen, dass mein Artikel natürlich nicht durchweg linksradikal ist, das tut der Richtigkeit seiner Ansätze aber denke ich keinen Abbruch (wozu gibt’s denn außerdem die LaPlage-Site zum diskutieren). Bei Unklarheiten wendet euch ruhig an eure Wirtschafts-, Sozial- und ErdkundelehrerInnen?, die werden bestimmt sehr witzig reagieren oder gar nicht auf eure Fragen, Bemerkungen und Einwände eingehen, wie ich es aus eigener Erfahrung weiß. Vielleicht wäre da eine strengere Beachtung der Schulcharta von LehrerInnenseite? her durchaus sinnvoll, aber die scheint ja, wie wir inzwischen zu wissen glauben, ohnehin nur eine Ansammlung von bedeutungslosen Formalismen zu sein, schade eigentlich.

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Hier die Erklärungen zu den Fußnoten: [1] Dies meint in diesem Zusammenhang, vereinfacht gesagt, dass die deutsche Politik immer „assozialer“ werden und Wirtschaftsinteressen zu stark betonen würde. [2] Der Begriff „Fetisch“ in Bezug auf den Kapitalismus wurde nicht zuletzt von Karl Marx selber entwickelt. Fetischmeint hier in etwa, dass die kapitalistischen Verhältnisse nicht mehr wirklich hinterfragt, sondern als unkontrollierbare „Naturgesetze“ und „Sachzwänge“ betrachtet werden, obwohl sie ja letztendlich doch von Menschen geschaffen wurden, selbst die KritikerInnen? des Systems, wie wir, müssen mit diesen ach so selbstverständlichen Zwängen fertig werden Aber: wer wäre im Feudalismus schon auf die Idee gekommen, die „göttliche Ordnung“ als nicht naturgemäß zu bezeichnen, bis das frühkapitalistische Bürgertum (Jakob Fugger&Co.) mit Martin Luther endlich jemanden fand, der diese Ordnung glaubwürdig angriff. [3] Klar, ein Brot, das 5 Minuten menschlicher Arbeit zur Herstellung braucht ist wesentlich weniger Wert als ein Öltanker, an dem ArbeiterInnen? Monate rumwerkeln. [4] Die von Marx aufgestellte Formel hierfür lautet G W G „Strich“, Geld, Ware, mehr Geld. Sie kann als Fundamentalgesetz des Kapitalismus gesehen werden. [5] „Effektiv“ natürlich nur im Sinne des Kapitals, man bedenke die hohen physischen und psychischen Schäden, die typische FließbandarbeiterInnen? bereits nach kurzer Arbeitszeit zu regelrechten „Wracks“ machen. [6] Quelle hiefür: „Wie kommt der Hunger in die Welt“, geschrieben von Jean Ziegler, Sonderberichterstatter der UNO-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung. Ein sehr empfehlenswertes, leicht verständliches Buch. [7] Als „Euphemismen“ bezeichnet man Worte, die mit einem ihrer wahren Bedeutung nahezu entgegengesetzten Ausdruck bezeichnet werden, so z.B. „Konzentrations“– statt Vernichtungslager oder „Arbeits“– statt Arbeitslosenamt [8] Und das bei Preisen, die gar nicht mal so viel niedriger als hier in Deutschland sind. Ein weiteres Beispiel aus Osteuropa: in Polen beträgt der gesetzliche Mindestlohn 179 Euro, in Großbritannien 1100.

Auch nachzulesen auf der seite der autonomen schülerzeitung laplage

Herzlichen Dank zudem an S.B. von „junge linke“, der mir ein paar sehr nützliche Hinweise betreffs dieses Textes gegeben hat.